Matt Haig: “Nicht mehr Scham bei psychischen Störungen wie bei einer Mandelentzündung”

Übersetzung von “Matt Haig: ‘There is no more shame in mental illness than having tonsilitis”
https://www.theguardian.com/books/2017/jul/21/reformation-2017-matt-haig-mental-health-physical-integrated-healthcare?CMP=share_btn_tw

Matt Haig, The Guardian, 21. Juli 2017

In unserer Serie, die den 500. Jahrestag der Reformation markiert, sagt der Schriftsteller, dass es an der Zeit ist, psychische und körperliche Gesundheit zu integrieren.

Das Problem beim Sprechen über psychische Gesundheit ist, dass wir ihr immer noch nicht die gleiche Priorität zu körperlicher Gesundheit einräumen. Das ist falsch, nicht nur, weil es dazu führt, dass weniger Geld für die psychosoziale Versorgung von Regierungen ausgegeben wird, sondern auch, weil so nicht erkannt wird, dass die allgemeine Vorstellung von psychischer Gesundheit nicht isoliert betrachtet werden sollte.

Als Spezies lieben wir es, die Dinge aufzuteilen. Wir zeichnen eine gerade Linie in einer Karte zwischen dem Atlantik und dem indischen Ozean, während das vom Wasser unbemerkt bleibt. So zeichnen wir auch eine Linie zwischen dem Psychischem und Physischem und gründen unser gesamtes Gesundheitssystem auf dieser falschen Trennung.

Früher einmal präzisierte die medizinische Welt die Anlagen des menschlichen Körpers mit der Aussage, es gäbe vier unterschiedliche Körpersäfte. Jede einzelne gesundheitliche Beschwerde könnte als ein Überschuss oder Mangel einer von vier verschiedenen Körperflüssigkeiten erklärt werden – schwarze Galle, gelbe Galle, Schleim und Blut. Und diese wiederum stünden in Zusammenhang mit den vier Elementen, ebenso wie die vier Jahreszeiten und die vier Lebensabschnitte des Menschen.

Wenn Sie sich in diesen guten alten Tagen deprimiert oder melancholisch gefühlt haben, wurde das auf einen Überschuss von schwarzer Galle zurückgeführt. Tatsächlich, das Wort Melancholie, wie auch melancholisch, stammt über dem Lateinischen von den altgriechischen Worten melas kholē ab, die wörtlich “schwarze Galle” bedeuteten. Heute erscheint das komisch, diese Vorstellung. Aber wenigstens auf eine Weise war das weit fortgeschrittener als unser gegenwärtiges Herangehen. Es sah nämlich keine starre Kluft zwischen körperlicher und psychischer Gesundheit vor. Geisteskrankheit wurde angesehen als dass sie körperliche Ursachen hätte und wurde mit den vier Elementen in Verbindung gebracht.

Heute, natürlich, wenn Sie Ihren Arzt wegen anhaltender Gefühle von Wertlosigkeit und Verzweiflung und der Sinnlosigkeit des Daseins aufsuchen, wird er wahrscheinlich nicht von Gallensäften irgendeiner Art sprechen. Andererseits, bevor wir glauben, dass wir am Ende des Fortschritts angelangt sind und alle Antworten haben, sollten wir uns daran erinnern, dass unsere Ärzte vielleicht überhaupt nicht über Ihren Körper sprechen.

Und doch hat alles, was ich herausgefunden habe über meine eigenen Erfahrungen mit psychischer Gesundheit und Krankheit, mich gelehrt, dass auch dies ein Fehler ist. Auch wenn Sie die Vorstellung haben, dass Geisteskrankheit nur eine Krankheit des Gehirns ist, so ist das Gehirn eine physische Sache. Das Gehirn ist der Körper. Psychische Gesundheit ist physische Gesundheit. Körper und Psychen beeinflussen einander.

Ich würde noch weiter gehen. Ich möchte nicht zu sehr im Schneidersitz auf einer Himalaya-Bergspitze sitzen, aber psychische Gesundheit bedeutet nicht nur ein gesundes Gehirn. Die psychische Gesundheit ist auf komplexe Weise mit dem ganzen Körper verbunden. Und der ganze Körper ist auf komplexe Weise mit der psychischen Gesundheit verbunden. Du kannst genau so wenig eine Linie zwischen dem Körper und dem Geist ziehen wie Du eine Linie zwischen den Ozeanen ziehen kannst.

Es ist beruhigend zu erkennen, dass viele Kognitionswissenschaftler dies heute anerkennen. Gedanken sind nicht nur die Produkte von Gehirnen, und umgekehrt. Wie Guy Claxton – selbst ein kognitiver Wissenschaftler – in „Intelligence in the Flesh“ schreibt, “der Körper, der Darm, die Sinne, das Immunsystem, das lymphatische System interagieren so unmittelbar und so komplex mit dem Gehirn, das man keine Linie über dem Hals ziehen und sagen kann ‘über der Linie sitzt die Klugheit und unter der Linie ist das Niedere‘.“ Kurz gesagt:” Wir haben nicht nur die Körper. Wir sind die Körper.”

Das Wort “ganzheitlich” ist sehr oft mit wissenschaftlich zweifelhaften Arten von Therapien verbunden, aber die Wissenschaft führt uns langsam zu einer ganzheitlicheren Betrachtung von Psychen und Körpern, so dass unsere Gesundheitsversorgung das anerkennen muss. Wir müssen die physische Natur der psychischen Störungen und die psychische Natur der körperlichen Krankheit erkennen. Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie und Krankenhäuser für körperliche Erkrankungen sollten alle psychisch-physische Krankenhäuser sein (aber vielleicht sollten sie etwas prägnanter heißen).

Ein glücklicher Nebeneffekt der Löschung der Linie zwischen Psyche und Körper, die seit Descartes kühn gezogen wurde, wäre die psychische Gesundheit zu entstigmatisieren, indem sie mit Stigma freien körperlichen Problemen wie Asthma und Arthritis gleichgesetzt würde. Es würde auch zu einer besseren Gesundheitsversorgung führen. Wenn die psychische Gesundheit in physischer Begrifflichkeit verstanden würde, würde sie aufhören, die arme Verwandte der Gesundheit zu sein, wenn es um staatliche Finanzierung geht.

Letztlich würde es nicht nur Ärzten und Krankenschwestern helfen, uns besser zu verstehen. Es würde auch ändern, wie wir uns selbst sehen. Die Vorstellung, dass unsere Psychen in unserer Kontrolle sind, und dass der freie Wille alles ist, ist immer noch vorstellig und lässt die Menschen eine Art von Schuld oder Scham empfinden krank zu sein. Ein Schuldgefühl, das an sich die Symptome verschärft. Wir müssen wirklich verstehen, wie Psychen und Körper miteinander interagieren und wie beide von der Welt beeinflusst werden.

So wäre ein neues, mehr integriertes Gesundheitssystem nicht nur gut, weil es den Patienten helfen würde, es würde auch jedem helfen, der sich belastet fühlt, zu verstehen, dass man nicht mehr Scham empfinden müsste wie wenn er eine Mandelentzündung hätte. Krankheit ist Krankheit und Gesundheit ist Gesundheit. Es kann kein “Geist über Materie” geben, wenn wir verstehen, dass die Psyche Materie ist.

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Großbritannien hat fast 800 Vieh-Mega-Farmen, deckt eine Untersuchung auf

Übersetzung von “UK has nearly 800 livestock mega farms, investigation reveals”
https://www.theguardian.com/environment/2017/jul/17/uk-has-nearly-800-livestock-mega-farms-investigation-reveals
The Guardian, 17. Juli 2017

Exklusiv: Nach amerikanische Muster intensiv betriebene industrielle Zucht von Geflügel, Schweinen und Rindern fegt über die britische Landschaft – erhöht Bedenken über Tierquälerei

Fast jede Grafschaft in England hat mindestens eine Viehzuchtfarm im industriellen Maßstab, mit knapp 800 Mega-Farmen nach amerikanischen Muster in ganz Großbritannien, wie neue Untersuchungen zeigen.

Die Zunahme der Mega-Höfe, die Kritiker als “grausam und unnötig” bezeichnen, ist Teil eines Anstiegs um 26 % der industriellen Massentierhaltung in sechs Jahren, eine Verschiebung, die die britische Landschaft umwandelt.

Nur 12 Grafschaften in Großbritannien beherbergen heute keine Schweine- oder Geflügelfarmen, die vom Umweltamt als industrielle Tierhaltung eingestuft werden. Um als industriell eingestuft zu werden, muss ein Hof Lagerhallen mit mehr als 40.000 Vögeln, 2.000 Schweinen oder 750 Zuchtsauen haben.

Herefordshire hat mehr als 16 Millionen Tiere aus industrieller Massentierhaltung, vor allem Geflügel – das bedeutet, dass die Grafschaft 88 Mal mehr Tiere aus industrieller Massentierhaltung hat als Menschen. Shropshire und Norfolk folgen nah mit mehr als 15 Millionen bzw. 12 Millionen Tieren. Fast jede Grafschaft in England und Nordirland hat mindestens eine Mega-Farm, und sie sind auch über Schottland und Wales verteilt.

Der Vormarsch der Mega-Farmen nach amerikanischen Muster – definiert in den USA als Anlagen, die 125.000 Masthühner, 82.000 Legehennen, 2.500 Schweine, 700 Milchvieh oder 1.000 Schlachtvieh enthalten – wurde in einer Untersuchung von „The Guardian“ und „The Bureau of Investigative Journalism“ aufgedeckt.

Die meisten dieser Höfe sind unbemerkt geblieben, trotz ihrer Größe und der Kontroverse um sie herum, zum Teil weil viele Landwirte bestehende Anlagen erweitert haben anstatt neue Standorte zu suchen.

Mega-Farmen und Betriebe mit industriellem Maßstab (die als industrielle Tierhaltung, aber nicht als “Mega” nach US-Definition gelten) haben bisher Aufmerksamkeit erregt wegen Bedenken von Anwohnern über Gerüche, Lärm und dem Potenzial für Umweltverschmutzung oder Krankheitsausbrüchen sowie von Tierschutzaktivisten, die argumentieren, dass die Landwirtschaft im industriellen Maßstab, in dem der Viehbestand selten oder niemals ins Freie darf, verhindert, dass Tiere ihr natürliches Verhalten leben. Sie machen sich auch Sorgen, dass Mega-Höfe kleinere Bauern aus dem Geschäft drängen, was zur Übernahme des Landes durch große Agrarunternehmen mit dem Verlust von traditionellen Familienbetrieben führt.

Ihre Befürworter sagen, dass die engen Kontrollen der Betriebe mit industriellem Maßstab bedeuten, dass Krankheit, Umweltverschmutzung und der CO2-Fußabdruck auf ein Minimum reduziert werden können. Solche Betriebe produzieren auch für die Verbraucher zu niedrigeren Kosten als kleine Bauernhöfe.

Die Regierung stellt keine zentralen Statistiken über Mega-Farmen zusammen, für die es keine anerkannte Definition nach britischen Vorschriften gibt, aber Höfe mit industrieller Tierhaltung benötigen eine Erlaubnis. Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz und die Sichtung in Datenbanken haben 789 Betriebe aufgedeckt, die der US-Mega-Farm (Massentierhaltung) Bestimmung entsprechen.

„Compassion in World Farming“(CIWF), eine Interessenvereinigung, hat eine Karte mit Schwerpunkten in Gebieten wie Herefordshire und Shropshire, East Anglia und Nordirland zusammengestellt.

Geflügelfarmen sind meistens die größten Anlagen, sieben der zehn größten enthalten mehr als 1 Million Vögel, und die größten zwei können bis zu 1,7 Millionen bzw. 1,4 Millionen Vögel halten. Die größte gefundene Schweinefarm besitzt etwa 23.000 Schweine, während die größte Viehfarm in Lincolnshire etwa 3.000 Tiere hat.

Die Vorschläge für Mega-Farmen auf unbebauten Flächen haben in den letzten Jahren von der Öffentlichkeit eine Absage erhalten. Eine in Nocton, Lincolnshire, die mehr als 8000 Kühe enthalten hätte, musste nach lokalem Widerstand aufgegeben werden. Eine weitere in Foston, Derbyshire, für mehr als 24.500 Schweine wurde nach Protesten erfolgreich zum Scheitern gebracht.

Aus diesem Grund und aus Gründen der Kosten und Effizienz haben viele Landwirte und große Nahrungsmittelfirmen beschlossen, vorhandene Anlagen zu erweitern, die unbemerkt von der lokalen Opposition bleiben.

Emma Slawinski, Kampagnen-Direktorin bei CIWF, die Interessenvereinigung, die die Schwerpunkt-Karte erstellt hat, sagte: “Es gibt einen besorgniserregenden Trend zur industriell betriebenen Landwirtschaft. Die Tiere vom freien Land zu entfernen und sie in verschmutzte, unmenschliche Fabrikbetriebe zu stopfen, ist nicht nur grausam für Tiere sondern hat auch weitreichende Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, die Tierwelt und den Planeten. Das Verbringen der Tiere weg von der Landschaft in Käfige und überfüllte Verschläge mag wie eine platzsparende Idee erscheinen, aber dabei wird die Tatsache ignoriert, dass enorme Teile an Land anderweitig verwendet werden, um Futter für sie anzubauen.

Sie sagte, dass Tiere unter “oft öden, überfüllten und häufig schmutzigen” Bedingungen gehalten werden, trotzdem genügend Land verfügbar wäre, um sie in einer natürlichen Umgebung zu halten. “North Yorkshire hat die höchste Anzahl von in Hallen aufgezogenen Schweinen, mit über 220.000 von ihnen auf die Innenseite beschränkt, nicht in der Lage nach Futter zu stöbern und das Gelände zu erkunden. Das ist grausam und unnötig, wenn wir einfach die Tiere nach draußen bringen und sie auf dem Gelände halten können.”

Allerdings behaupten unabhängige Landwirtschaftsexperten und Branchenverbände, dass die industriell betriebene Landwirtschaft den Tierschutz nicht behindert und dem Verbraucher billigere Lebensmittel bietet. Charles Godfray, Direktor des Oxford Martin Programms über die Zukunft der Nahrung, sagte, es sei nicht möglich, das Wohlergehen der Tiere auf der Grundlage der Größe der Höfe zu beurteilen. “Es geht vielmehr darum, wie Sie es tun”, sagte er. “Es gibt industriell betriebene Anlagen, die grausam sind, und andere, die gute Beispiele dafür sind, wie man sich gut um Tiere kümmert und gute Ergebnisse erzielt.”

Richard Griffiths, Vorsitzender des britischen Sachverständigenrates für Geflügel, sagte, dass Vögel, die auf industriell betriebenen Höfen gezüchtet wurden, gute Standards hätten. “Das sind Höfe mit artgerechter Tierhaltung. Die Haltung ist das hier das entscheidende Element – ich denke, die Leute denken an Hühner, die um eine Farm herumlaufen, aber das Bild ist mehr angemessen. So werden Hühner nicht mehr bewirtschaftet. ”

Er fügte hinzu, dass der Druck von den Verbrauchern bedeutete, dass es nicht mehr durchführbar war, Vögel in der Freilandhaltung oder unter kontrollierten biologischen Bedingungen für den allgemeinen Verbrauch zu halten. “Im vergangenen Jahr züchteten wir fast eine Milliarde Vögel, 95 % innen, 3,4 % Freiland und 1 % Bio. Wenn wir versuchen würden, eine Milliarde Vögel pro Jahr kontrolliert biologisch zu halten, bräuchte das viel Land. Es ist ein Balanceakt, und es ist nachfragebedingt. Ich glaube nicht, dass wir eine Veränderung der Systeme ohne entsprechende Nachfrage der Verbraucher sehen werden. Im Moment gibt es diese Nachfrage nicht.”

Christine Nicol, Professorin für Veterinärwissenschaften an der Universität Bristol, sagte, dass die Größe eines Hofes weniger wichtig sei als die Art und Weise, wie die Tiere betreut würden, da Viehbestände auf kleinen Bauernhöfen vor allem im Winter unter Vernachlässigung oder schlechten Bedingungen leiden könnten. Allerdings fügte sie hinzu: “Generell gibt es gute Beweise dafür, dass massiv industriell betriebene Produktionsformen die intern motivierten Verhaltensweisen, insbesondere Wohlfühlverhalten wie dehnen, Fell-/Gefiederpflege, nisten einschränken. Entweder, weil nicht genügend Platz vorhanden ist oder unzureichende Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Die meisten Tiere brauchen ruhige Ruhebereiche, getrennt von geschäftigen Gebieten. Diese sind nicht immer oder nur unzureichend vorhanden.

“Es ist nicht unbedingt der Fall, dass Zugang zum Freigelände benötigt wird, um diese Verhaltensweisen zu ermöglichen. Geräumige, geschützte, halb innen liegende Bereiche mit natürlichem Licht können oft besser sein, da sie die wichtigen Verhaltensweisen erlauben während sie die Krankheitsrisiken gering halten. Es muss mehr Arbeit geleistet und viel größere Anreize angeboten werden [an Landwirte], um Verbesserungen zu fördern, und ein besseres Verständnis der Öffentlichkeit ist auch erforderlich. ”

Zoe Davies, Vorsitzende der Nationalen Vereinigung für Schweinezucht, sagte, größere Höfe erlauben eine bessere Pflege von Tieren: “Diese größeren Einheiten haben mehr engagierte Menschen – Schweine-Betriebe werden spezialisierte Tierärzte haben. Es gibt nicht so viele Produzenten, die Schweine im Freien züchten, weil es keine große Nachfrage gibt. Die Mehrheit versucht, mit allen anderen und ihren europäischen Kollegen zu konkurrieren. Es gibt eine sehr intensive Konkurrenz.”

 

 

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Der Wahnsinn des König Donald

Übersetzung von “The Madness of King Donald”
http://nymag.com/daily/intelligencer/2017/02/andrew-sullivan-the-madness-of-king-donald.html

Andrew Sullivan, NYMag.com, 10. Februar 2017

Ich denke, ich sollte damit anfangen zu sagen, dass dies ist kein Blog ist. Es ist auch nicht das, was man eine Kolumne nennen könnte. Es ist eine Art Experiment, um zu sehen, ob es etwas dazwischen gibt. Von jetzt an werde ich an den meisten Freitagen hier schreiben, unter anderem über das Ende der westlichen Zivilisation, den Zusammenbruch der Republik und, ja, meine Beagles. Wenn Sie ein altgedienter Leser meiner ehemaligen Website “the Dish” sind, könnten Sie es manchmal unheimlich finden. Ich vielleicht auch. Das Modell, dem ich versuche zu folgen, steht eher in Tradition eines britischen Magazins mit einem wöchentlichen Tagebuch – über aktuellen Nachrichten, aber mit ein bisschen Abstand, persönlich wie auch politisch, mehr wie ein Gespräch als ein förmlicher Bericht.

Anfangen möchte ich mit Trumps Lügen. Es ist jetzt allgemeingültig, dass Trump und seine Untergebenen faustdicke Lügen erzählen. Faktenprüfer haben es noch nie so gut gehabt. Aber Tatsache ist, dass alle Politiker lügen. Bei Bill Clinton verging kaum einen Tag ohne eine Abtönung oder Aufspaltung der Wahrheit. Richard Nixon war berühmt für seine Tricksereien. Aber alle traditionellen politischen Aufschneider zollten der Wahrheit trotzdem Achtung, auch wenn sie ihr auswichen. Sie erkannten eine gemeinsame Wirklichkeit an und verneigten sich davor. Sie erkannten die Notwendigkeit einer gemeinsamen Reihe von Tatsachen an, damit eine liberale Demokratie überhaupt funktionieren kann. Trumps Lügen sind anders. Sie sind eine direkte Anfechtungen der Wirklichkeit – und bei ihrer Verbreitung und Wiederholung geht es darum, seine Macht zu verstärken anstatt sich aus einer politischen schwierigen Frage herauszuwinden. Sie sind Angriffe auf die kleinste Möglichkeit eines vernünftigen Diskurses, die Art von glatten Lügen, die autoritäre Regime darstellen als eine Möglichkeit zur Prüfung der Loyalität, und um ihre Untertanen in die Unterwerfung zu zwingen. Diese erste Pressekonferenz, in die Sean Spicer geschickt wurde um gegenüber der Presse zu lügen und über die Einweihungsfeier zu schwadronieren, erinnerte mich an einen sowjetischen Apparatchik, dessen Treue geprüft wurde, um zu sehen, ob er öffentlich wiederholen konnte, was er als falsch kannte. Es war komisch, aber auch leicht abschreckend.

Was meine ich mit der Leugnung der empirischen Wirklichkeit? Denken Sie an einer der jüngsten. Am Mittwoch veröffentlichte Senator Richard Blumenthal die Nachricht, dass Richter Neil Gorsuch, Trumps Kandidat für den lange offenen Sitz am Obersten Gerichtshof, ihm gesagt habe, dass die beispiellosen persönlichen Angriffe des Präsidenten auf Bundesrichter “entmutigend” und “demoralisierend” seien. Innerhalb einer halben Stunde wurde dies bestätigt von Gorsuchs vom Weißen Haus ernannten Sprecher, der bei dem Gespräch anwesend war. CNN berichtete ebenfalls, Senator Ben Sasse habe Gorsuch genau das Gleiche sagen hören, emotional betroffen, wie auch die ehemalige Senatorin Kelly Ayotte.

Der Präsident bestand gestern dennoch zweimal darauf, dass Blumenthal sein Gespräch mit Gorsuch falsch dargestellt habe – zuerst in einem Tweet am frühen Morgen und dann noch einmal gestern Nachmittag vor den Fernsehkameras. Um den Wahnsinn noch zu verstärken, tweetete er auch, dass Chris Cuomo in einem Interview am Morgen niemals Blumenthal auf seine Lügen über seinen Dienst in Vietnam angesprochen hätte – während die Bandaufnahme ganz klar zeigt, dass es das erste war, was Cuomo aufgeworfen hatte.

Wie sollen wir damit umgehen? Wie sollen wir auf einen Präsidenten reagieren, der in derselben Woche erzählt hat, dass die “Mordrate in unserem Land die höchste ist, die es seit 45 bis 47 Jahren gegeben hat”, während, natürlich trotz einiger jüngster, beunruhigender Spitzen in den Städten, es national fast die niedrigste Rate seit den späten 1960er Jahren ist, und die Hälfte der Rate im Jahr 1980. Was sollen wir tun, wenn ein Präsident sagt, dass zwei Menschen in Chicago erschossen wurden während Präsident Obamas Abschiedsrede – wenn dies von der Chicagoer Polizei unmittelbar bestritten wird? Nichts davon wird zudem jemals  korrigiert. Kein Fehler wird jemals zugegeben. Jede Lüge wird in der Regel durch eine andere Lüge erhöht – zusammen mit persönlichen Angriffen.

Was wir tun sollten: jede einzelne Lüge widerlegen. Bestehen Sie weiterhin darauf, dass jede Lüge zurückgezogen wird – und Journalisten in Pressekonferenzen sollten ihre Kollegen mit wiederholter Nachverfolgung unterstützen, wenn Spicer versucht, sich vor der ganzen Wahrheit zu drücken. Lassen Sie nicht zu, dass sie sich einer anderen Frage zuwenden. Bei Interviews mit dem Präsidenten selbst sollte keine Lüge unbehelligt bleiben; der Interviewer sollte drängen und  drängen und drängen  bis die Lüge zugegeben wird. Die Presse darf keine Angst haben, dem Präsidenten sogar ins Gesicht zu sagen ein Lügner zu sein, wenn er darauf beharrt. Das erfordert keinen besonderen Mut. Im Gegenteil, ich denke dabei an jene Dissidenten, deren kritisches Drängen auf die schlichte Wahrheit in einfacher Sprache in der kafkaesken Welt des Totalitarismus die Wirklichkeit am Leben erhielt. Wie der polnische Dissident Adam Michnik einmal sagte: “Im Leben eines jeden ehrenhaften Mannes kommt ein schwerer Moment … wenn die einfache Aussage, dass dies schwarz ist und das weiß ist, einen hohen Preis verlangt.” Der Preis, den Michnik zahlte, waren Jahre im Gefängnis. Können amerikanische Journalisten nicht riskieren, etwas weniger Zugang zu haben oder einen bösen Tweet zu lesen für die gleiche wesentliche Bürgerpflicht?

Dann gibt es die offensichtliche Frage der psychischen und psychologischen Gesundheit des Präsidenten. Ich weiß, dass wir das nicht aufbringen sollen – aber es starrt uns brutal ins Gesicht. Ich stelle mir immer wieder diese einfache Frage: Wenn Sie auf jemanden in Ihrem Alltag stießen, der wiederholt phantastische und nachweislich unwahre Dinge sagte, was würden Sie von ihm denken? Wenn Sie bei einem Nachbarn auftauchen, und Ihr Gastgeber zeigt Ihnen sein neu gestrichenes Wohnzimmer, das tiefblau ist, und er besteht darauf, immer wieder – manisch – dass es ein schöner Scharlachton ist, was wäre Ihre Reaktion? Wenn er dann ein Mitglied seiner Familie herauszerrt und darauf besteht, dass es diese offensichtliche Unwahrheit vor Ihnen wiederholt, wie würden Sie reagieren? Wenn er beim nächsten Mal, wenn Sie vorbeischauen, immer noch über seine wunderschönen neuen roten Wände schwärmt, was würden Sie denken? Ich denke darüber: Dieser Mann tickt nicht richtig. Er ist verwirrt. Er lebt in einer bizarren alternativen Welt. Er ist wahnhaft. Wenn das anhält, würden Sie sich irgendwann entschuldigen und vorsichtig und langsam aus dem Raum und dem Haus gehen und nie wiederkommen. Sie würden Ihre anderen Nachbarn warnen. Sie würden Abstand halten. Wenn Sie ihn sähen, würden Sie höflich sein aber Abstand halten.

Ich denke, das ist ein wesentlicher Grund, warum so viele von uns so verunsichert, ängstlich und nahe der Panik waren in den letzten Monaten. Es ist nicht so sehr die Agenda dieses Präsidenten. Das ändert sich immer von Regierung zu Regierung. Aber wenn der Dreh- und Angelpunkt eines ganzen Landes buchstäblich wahnhaft, klinisch betrügerisch ist und auf jeden Versuch, die Aktenlage zu korrigieren mit Wut und Rache reagiert, dann steht jeder ist an der Grenze.

Es gibt keinen Sicherungspunkt mehr. Im Mittelpunkt der Regierung des mächtigsten Landes der Erde steht stattdessen der Wahnsinn.

Mit jemandem wie ihm, der jede Stunde des Tages in Ihrem Bewusstsein einstürzt, fangen Sie an, einen flüchtigen Blick von dem zu erhalten, wie es sein muss in einer Art von Autokratie leben. Jeden Tag sind in den Ländern, die das Pech haben von einem einsamen Diktator beherrscht zu werden, die Menschen ständig der Anwesenheit des obersten Führers in ihren Häusern und an den Arbeitsplätzen ausgesetzt, oder wenn sie die Straße entlang laufen. Big Brother lässt Sie nie allein. Sein Gesicht rückt Ihnen auf jedem flackernden Bildschirm zu Leibe. Er fängt an, Ihre Psyche und Seele zu durchdringen; er beherrscht jeden Nachrichtenzyklus und macht rund um die Uhr Aussagen, die jede für sich schockierend und destabilisierend sind. Er hat Spaß daran, Sie ständig zu provozieren und zu überraschen, so dass sein monströses Ego beständig gefüttert wird. Und weil er auch mental instabil ist,  für immer um sich schlagend in manischen Krämpfen von Schmerz und Wut, leben Sie jeden Tag mit einem gewissen Maß an Beklommenheit. Mit was wird er am nächsten Tag ankommen? Irgendwie hat er niemals die Kontrolle über sich selbst und hat doch immer die Kontrolle über Sie.

Eine der großen Errungenschaften der freien Gesellschaft in einer stabilen Demokratie ist, dass viele Menschen über einen Großteil der Zeit überhaupt nicht über Politik nachdenken müssen. Der Präsident eines freien Landes kann den Nachrichtenzyklus viele Tage dominieren – aber er ist nicht allgegenwärtig – und weil wir in einem Rechtsstaat leben, können wir es uns leisten, die Nachrichten manchmal abzuschalten. Eine freie Gesellschaft bedeutet, frei von denen zu sein, die über Sie herrschen – um die Dinge zu tun, die Ihnen wichtig sind, Ihre Passionen, Ihre Freizeitbeschäftigungen, Ihre Lieben –  um in dem seligen Raum zu frohlocken, in den die Politik nicht eingreift. In diesem Sinne, so scheint es mir, leben wir bereits in einem Land mit deutlich geringerer Freiheit als vor einem Monat. Es ist weniger wie das Leben in einer Demokratie als wie ein Kind in einem Haus gefangen zu sein, mit einem missbrauchenden und unberechenbaren Vater, der keine Vernunft duldet, keine Gegenargumentation respektiert, keine Fehler zugibt, und immer, immer noch einen draufsetzt, bis die Katastrophe unvermeidlich eintritt. Das meine ich mit der Vorstellung, dass wir eine Notsituation durchleben.

Ich habe Scorseses “Schweigen” zweimal in den letzten Wochen gesehen. Es hat mich buchstäblich zum Schweigen gebracht. Es ist ein überragend schöner Film – aber sein Genie liegt in der Komplexität seines Verständnisses dessen, was der Glaube wirklich ist. Für einige weltliche Liberale ist Glaube eine Art einfacher und simpler Verzicht der Vernunft – eine Befreiung von der Wirklichkeit. Für Scorsese ist es ein Rätsel verpackt in einem Mysterium und oft untrennbar verbunden mit lähmendem, ewigem Zweifel. Sie sehen das in der Entwicklung des Hauptprotagonisten: von einer gewissen absolutistischen Arroganz zu einer langsamen Aufgabe des Stolzes hin zu einer tieferen geistigen Wahrheit. Der Glaube ist am Ende das Ergebnis des Mitansehens wie Ihre früheren Gewissheiten zerbröckeln und wieder aufgebaut werden, schwankend, auf neuem Grund. Gott ist fast immer schweigsam, verborgen, manchmal äußerst schmerzhafterweise, angesichts der schrecklichen Ungerechtigkeit oder des Leidens. Ein Leben im Glauben ist also nicht real, wenn es nicht von Verzweiflung durchsetzt ist.

Es gibt Momente – überragend selten, aber oft unauslöschlich – wenn man die Stimme Gottes hört und das Antlitz Jesu sieht. Man vergisst sie nie – und ich zähle die paar Momente in meinem Leben, wenn ich die Stimme gehört und das Gesicht gesehen habe als reine Andeutung dessen, was kommen wird. Aber der Rest ist wirklich Stille. Und das Gewissen ist etwas, das sich manchmal selbst nicht hören kann. Seltener habe ich die Tiefe dieser Wahrheit so dargestellt gesehen. Das ist vielleicht der Grund, warum der Film bisher nur so ein winziges Publikum hatte. Diejenigen ohne Glauben haben keine Geduld für eine lange Meditation darüber; diejenigen mit Glauben in unserer Zeit sind zu oft mit einer leidenschaftlichen Gewissheit erfüllt um das schätzen zu können. Und die geheimnisvollen Bilder dieses Films können jeden durcheinander bringen. Aber seine ganze Komplexität und Subtilität gaben mir Hoffnung in dieser vulgären, extremistischen Zeit. Wir können diese Surrealität  um uns herum nicht vermeiden. Aber es kann gelegentlich möglich sein sie zu überwinden.

 

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The US Election 2016 and the Electoral College

If the Electoral College do care about the future of the US as well as the whole world they could have no choice but to choose Clinton.

What we have learned these last days about Trump: His open attitude „to capitalize” on the presidency on many levels, his choice of unfit people as important governmental officials, his numerous pending law suits, his dubious private life.

On the other hand, there is Clinton, the winner, by far, of the popular vote. She is the most qualified candidate for president in more than a generation because of her previous work.

The electors are free to choose. There is no reason to change the election result as the people decided it: in Clinton’s favour.

Die Gefahren der Twitter-Berühmtheit

Übersetzung von “The perils of being Twitter famous”
http://www.gq-magazine.co.uk/article/famous-on-twitter

The Guyliner,  , GQ Magazine UK, 21. Juli 2016

Wie definierst Du Ruhm? Es ist ein Thema, das ziemlich häufig zur Sprache kommt, vor allem auf Twitter, in der Regel, wenn eine entgeisterte Nation die Auftaktnacht von Celebrity Big Brother schaut. “Wer zum Teufel sind diese Leute?”, ruft Joe Publikum von seinem abwischbaren Sofa, Wut schäumt auf wie von eine Dose Stella Bier, die den ganzen Tag im Fond eines Malerwagens herumgerollt ist. “Das sind keine Prominenten! Sie sind nicht berühmt! Ich habe noch nie von denen gehört!” Aber die Sache ist, Joe, es spielt keine Rolle, ob Du davon gehört hast – so lange es irgendjemand gehört hat.

Bei Ruhm geht es darum, sowohl in den Kreisen, in denen Du Dich bewegst und darüber hinaus bekannt zu sein, und er ist ein häufiger Bettgeselle der traurigen Berühmtheit. Aber wenn es Grade von Ruhm gibt, mit Hollywood Megastarruhm und / oder Prinzessin Diana an der Spitze, dann liegt irgendwo in Richtung unteres Ende der Skala – knapp darüber örtlich bekannt zu sein als der Mann, der bei Ladendiebstählen im House of Fraser erwischt wurde – der Twitter Ruhm. Oh, es ist ein Thema – tu nicht so als wüsstest Du das nicht. Den genauen Punkt, an dem „eine Menge von Follower“ sich in Ruhm verwandelt, kann ich Dir nicht sagen, aber wenn die Leute “Dich von Twitter her kennen” und über Dich auf und abseits der viel geschmähten Plattform sprechen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Du‘s bist. Er gehört dir. Der Twitter Promi-Status gehört Dir. Und das große Problem ist: Es ist ätzend. Ätzend mit der Wirkung von 12.000 Liter Salzsäure. Hier ist der Grund.

Sag auf Wiedersehen zu Ironie und Hallo zu vorsätzlicher Buchstäblichkeit

Wenn Du einen Witz erzählen willst, ist es wahrscheinlich am besten bei denen aus Knallbonbons zu bleiben. Du denkst vielleicht, Dein letzter Tweet war eine irgendwie amüsante Einschätzung zu aktuellen Ereignissen, aber Deine User könnten glauben, dass es Deine tatsächliche Meinung ist. Manche Menschen sind entschlossen, die Dinge falsch zu verstehen und übergehen völlig Deine humoristische Absicht und drehen sie in etwas ganz anderes um. Einen netten Witz über jemand aus einer Reality-Show machen? Innerhalb weniger Minuten wirst Du der Hassreden oder des Mobbing beschuldigt, oder noch schlimmer, “gar nicht lustig” zu sein. Melde Dich ab, Du hast verloren.

Du wirst für Deinen Mist zur Rede gestellt werden

Manchmal sind Deine Witze nicht lustig. Manchmal hast Du nachlässig getwittert und nicht das größere Bild im Auge gehabt. Manchmal handelst Du wie eine gedankenlose, witzlose Arschgeige, und Du weißt es. Nun, mach Dich gefasst, mein Schatz, die Welt ist dabei Dich das wissen zu lassen. Vergiss es unter dem Radar zu fliegen; du bist ein großes Bündel verfolgbaren, verantwortlichen, potentiellen PR-Desasters, die Welt kommt zu Dir und wird nicht zufrieden sein, bis sie mit Deinem Skalp in der Hand davon stolziert. Was bedeutet…

Du musst sorgfältiger sein – oder zumindest solltest Du

Wenn Du darüber sinnierst, “Herrje, ich kann nicht mal mehr etwas so harmloses sagen”, frage Dich a) ob es wirklich so harmlos ist und b) warum Du es sagen willst. Herausfordernde Kontroverse ist schön und gut und es gibt eine Zeit und einen Ort dafür, wenn sie ein Licht auf Heuchelei und Ungerechtigkeit wirft, aber frage Dich, ob Du wirklich diese Person sein willst. Das, glaube ich, ist tatsächlich ein Positivum der Berühmtheit in sozialen Medien – es sollte Dich zu einem mitfühlenderen, einfühlsameren, sensibleren Menschen werden lassen. Wenn nicht, bist Du ein meterhoher Berg von Müll und es gibt keine Hoffnung für Dich. Entweder das, oder du bist ein Betrüger und machst es für die Aufmerksamkeit. Besser mach daraus einen zwei Meter hohen Haufen Müll.

Fremde werden mit Dir schlafen wollen

Ich weiß, das klingt wie etwas Gutes, aber denk daran: Sie kennen Dich nicht. Sie glauben, sie wollen Sex mit Dir haben, aber das ist so, weil sie in seliger Ahnungslosigkeit sind, dass Du eine Stimme wie aus ‘Fire In A Pet Shop’ hast und täglich mit waffenfähiger Halitosis kämpfst. Vereinbare die Verabredung wenn Du willst, stimme zu sie für eine schnelle Nummer zu treffen – aber bereite Dich darauf vor eine Enttäuschung zu sein. Ihr Gesicht zu sehen mit der Erkenntnis, dass es Deine Tweets sind, die vögelnswert sind, und nicht Du – das bleibt für immer bei Dir.

Die Menschen antworten

Etwas passiert mit Menschen mit, sagen wir, mehr als 10.000 Follower. Sie neigen dazu aufzuhören Gespräche zu führen und anzufangen Beiträge zu verbreiten. Ob sie ihren eigenen Hype glauben oder einfach, dass sie zu beschäftigt sind, sich in Geplauder mit einfachen Sterblichen zu engagieren, ist unklar – sie sagen es Dir nie, weil sie nicht mit Dir reden –, aber eine der sinnlosesten Verwendungen von Twitter ist lediglich in den Äther hineinzurufen, jede Antwort so gering wie eine Unbequemlichkeit zu behandeln. Aber die Leute werden antworten. Sie wollen mit Dir reden. Die Sache funktioniert zweiseitig, verstehst Du. Nein, Du kannst nicht allen antworten, aber Du kannst zumindest den Willen zeigen. Du bist berühmt auf Twitter, stimmt, aber Du bist nicht Madonna. Draußen steht keine Limousine, mein Schatz; auch wenn man immer noch vorne in den Autos sitzt ist man nicht Scheiße.

Du wirst wahrscheinlich ein machthungriges Monster werden

Du bist also da draußen am Verbreiten und die Leute nehme es begierig auf, positionieren Dich und retweeten Dich als ob ihr Leben davon abhinge und, Junge, die Menschen wissen tatsächlich wer Du bist. Du kannst entweder davon einen Schritt zurücktreten und es zu schätzen wissen, als das was es ist, und diesen  “Einfluss” klug nutzen oder Du wirst ein erstklassiger Trottel, Dir einen Messias-Komplex aneignen und beginnen zu glauben die  Menschen sollten beachten was Du sagt, egal was es ist. Schau verwundert zu, wie die Ehrfurcht Deiner real life-Freunde und Deiner Familie vor Deiner Popularität sich  in leichten Ekel verwandelt, gefolgt von verächtlichem Schrecken, wenn Du beginnst im Radio oder Fernsehen zu  erscheinen, alle diese wirklich schlimmsten Meinungen speiend. Es wird Dich nähren, und es ist erschreckend kalorienreich – Du verwandelst Dich von einem leicht schrulligen und leicht idiotischen Kuriosum in eine zehnköpfige, hysterische Hydra, die Menschen erzählt sie können Schallwellen sehen.

Du könntest unwissentlich ein Rädelsführer werden

Wahrscheinlich wurdest Du in der Schule gemobbt, also Glückwunsch! Jetzt ist Deine Zeit direkt über den Zaun zu springen und das Belagern von der anderen Seite zu erleben. Du kannst “unschuldig” tweeten oder etwas retweeten – vielleicht mit einer geistreichen Nebenbemerkung, die Deine Follower so mögen – und hoppla! Plötzlich wird die Zielperson Deiner Belustigung ausgepfiffen und an den Pranger gestellt, in Stücke gerissen von Deiner reißzahnlosen, tot-äugigen, Dich anbetenden Armee, bis sie Twitter aufgibt  oder den Rest ihres Lebens damit verbringt, Ei-köpfige Profile aus Ontario oder Ipswich zu blocken, die sie wiederholt in links zu Tierpornographie erwähnt haben. Wie fühlst Du Dich dabei? Wie schade, dass Twitter keinen Ton hat, so dass Du das beglückwünschende Hämmern von Fäusten auf den Tischen hören kannst oder die erklingenden  Chorgesänge “Denn er ist ein prächtiger Bursche”, unmelodisch und endlos gesungen, die Worte gedämpft durch die fusselige, speichel-verkrustete Wolle der Sturmhauben der Sänger.

Es kann Dein Leben verändern

Aber lasst uns auf mit einem Hoch enden. Das müssen wir. Viele Follower auf Twitter zu haben kann Dich für immer verändern. Du wirst mit Leuten reden, die Du nie im wirklichen Leben treffen würdest, aus allen Ecken der Welt. Die Menschen werden Dich unterstützen und sie werden Dich herausfordern, und Du wirst – sollst – daraus lernen und es wertschätzen. Egal, ob Du in Deinen Echoraum plapperst oder einen Gerichtssaal mit allen Kritikern ansprichst, Du bist nie allein. Es gibt Augen, und es gibt Ohren, und es gibt tippende Finger – und sie sind auf Dich abgerichtet. Verschwende nicht die Gelegenheit. Tu etwas Gutes damit. Sei nicht dieser Typ. Es kann eine Weile dauern, aber es endet nie gut für ihn.

 

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Übersetzung eines Kommentars zur “Strafe” der Mutterschaft

Übersetzung von “The perils of even raising the ‘penalty’ of motherhood”
http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jul/19/cant-ignore-penalty-of-motherhood-new-statesman?CMP=share_btn_tw

Die Gefahren, das Thema “Strafe” der Mutterschaft auch nur anzuschneiden

Helen Lewis, the Guardian, 19. Juli 2015

Als stellvertretende Chefredakteurin des New Statesman habe ich gerade entdeckt, darauf hinzuweisen, dass viele mächtige Frauen kinderlos sind, provoziert eine zutiefst emotionale Debatte

Es passiert nicht jeden Tag von Nicola Sturgeon gerüffelt zu werden. Aber genau das ist letzte Woche passiert, als die Vorsitzende der Partei SNP Anstoß nahm an der Vorderseite der aktuellen Ausgabe des New Statesman , die vier Politikerinnen um eine Krippe stehend mit einer Wahlurne darin zeigte. Keine der abgebildeten Frauen hat Kinder, ein Umstand, der dazu beigetragen haben könnte ein hohes Amt zu erreichen.

Sturgeon hat die Titelseite “haarsträubend” genannt, obwohl sie einräumte, dass der von mir geschriebene, innen stehende Artikel zu Mutterschaft und Politik interessant und den Aufwand wert sei. Nun, ich habe großen Respekt vor der Ersten Ministerin Schottlands, sie hat die scharfen Spitzen gespürt eine Frau in der Politik zu sein, also nehme ich ihre Kritik ernst. Abgesehen davon, ganz ehrlich glaube ich, der Artikel wäre in jedem Fall angegriffen worden, wie auch immer wir ihn bildlich dargestellt hätten.

Und zwar, weil die Debatte zur Mutterschaft zutiefst emotional ist, ironischerweise ähnlich wie der Nationalismus. Sie übergeht den nüchternen, rationalen Teil von uns, der abstrakte Ideen und politischen Fragen abwägt, und geht direkt in den Bauch und löst eine instinktive Reaktion aus. Das gilt für viele Frauen, jede Diskussion, ob wir Kinder (durch Wahl oder Umstand) haben oder nicht, trifft uns hart. Wir fühlen uns beurteilt.

Im Zuge der Kommentare von Sturgeon ergingen sich viele andere Twitterer in einer leichten Art Kremlforschung an der Symbolik des Titelblattes. Warum haben wir “Erfolg” mit einem hohen politischen Amt gleichgesetzt? Sollten wir nicht das Wort “kinderfrei” statt “kinderlos” verwendet haben? Warum gab es denn keine schwarzen Frauen auf dem Cover und warum enthielt der Artikel keine Diskussion über Transsexuelle? Warum schauen alle beteiligten Frauen so düster? Und, mit einer Frage, die jeden Tag durch die einsamen Hallen des Internets hallt – was ist mit den Männern?

Einige dieser Kritikpunkte sind nicht zu beantworten: zum Beispiel, wir haben dem Cover-Künstler keine bestimmte Richtung vorgegeben, welche Gesichtsausdrücke zu verwenden sind; meine Vermutung ist, dass es relativ wenig Belegbilder von Angela Merkel grinsend von Ohr zu Ohr gibt. (Außerdem, vier Frauen breit lächelnd um ein Kinderbett würde auf eigene Weise auch seltsam aussehen.) Vergleichbar ist, dass, “kinderlos” das allgemein verwendete Wort ist, während Aktivisten, die die Verwendung von “kinderfrei” bewerben, damit das Argument anbringen möchten, dass sie sich bewusst dazu entschieden haben keine Kinder zu haben. Aber wer kann sagen, ob das für eine der Frauen gilt, die wir in dem Bild dargestellt haben? Vielleicht war es unfair sie ausgewählt zu haben; zu unserer Verteidigung möchte ich sagen, dass unser Titelbild zu Ostern im vergangenen Jahr einen nackten Nigel Farage als Venus von Botticelli gezeigt hat. Die Linie zwischen provokant und beleidigend ist eben immer subjektiv.

Der einzige Kritikpunkt, der es wert ist ihm ohne Umschweife entgegenzutreten ist die Idee, dass Mutterschaft eine rein persönliche Entscheidung ist und keinen anderen etwas angeht. Das stimmt auf individueller Ebene; wir sollten nicht versuchen, die Persönlichkeit einer Frau durch ihren Reproduktionsstatus zu analysieren. Aber es gibt Schneisen in der Regierungspolitik Familien zu unterstützen, dazu gehören steuerliche Absetzmöglichkeiten und Elternurlaub. Im Bundeshaushalt zum Sommer hat George Osborne effektiv eine Obergrenze für die Zahl der Kinder gesetzt, von der die Regierung glaubt, dass eine bedürftige Familie sie haben sollte – mit zwei Kindern – durch Begrenzung der staatlichen Beihilfen. Zur gleichen Zeit verlassen wir uns alle darauf, dass die heutigen Jugendlichen aufwachsen, um die Steuern zu zahlen, die unsere Pensionen finanzieren. Außer wenn Sie glauben, dass es so etwas wie eine Gesellschaft nicht gibt, ist Mutterschaft wichtig.

Ich sage “Mutterschaft” nicht Elternschaft, weil ich denke, dass wir die Aufmerksamkeit dahin lenken müssen, dass Betreuungsaufgaben Frauen mehr als Männer betreffen. (Und es sind nicht nur Kinder, um die sie sich kümmern, 75% derjenigen, die ein Pflegegeld beanspruchen, sind Frauen.)

Die parlamentarischen Statistiken machen das Gefälle sehr deutlich. Im Jahr 2013 waren nur 28% der männlichen Abgeordneten kinderlos – gegenüber 45% der Frauen. Weibliche Abgeordnete haben durchschnittlich 1,2 Kinder, verglichen mit 1,9 bei den Männern, und deren Kinder sind meist älter, wenn sie in die Politik gehen. Dies belegt ein Muster, das auch in anderen Berufen zu sehen: Frauen stehen vor einer “Mutterschafts-Strafe”, weil angenommen wird, Kinder zu haben bedeutet, dass sie weniger engagiert sind auf ihrer Arbeitsstelle; Männer erhalten einen “Vaterschafts-Bonus”, weil angenommen wird, eine Familie zu haben bedeutet, dass sie beständig sind, engagiert, vernünftige Bürger.

Die Leistungen einzelner Mütter wie Harriet Harman oder Margaret Thatcher kann nicht über das Gesamtbild hinwegtäuschen: Das jonglieren zwischen Kindern und Beruf schadet dem Gehalt einer Frau für den Rest ihres Lebens, und macht es schwieriger, eine Spitzenposition in einem Beruf zu erreichen. Für die Politik ist das wichtig, weil unser Parlament bemüht sein sollte, Vertreter des ganzen Landes zu sein. Wir wollen nicht, dass zum Beispiel eine Reihe von Mittelklasse-Typen aus dem ländlichen Shropshire Politik für innerstädtische Banden macht, oder dass Invaliditätsleistungen eingestellt werden ohne Erfahrungswerte derjenigen zu berücksichtigen, die mit Multiple Sklerose oder chronischer Müdigkeit konfrontiert wurden. Es ist sehr schwer zu glauben, dass die großen Reformen der Kinderbetreuung in den letzten Jahrzehnten ohne Beteiligung von Frauen erreicht worden wären.

Die andere Seite meiner Argumentation im Artikel war der Blick von der anderen Seite des Tisches (meine eigene Seite, zufälligerweise). Kinderlosen Frauen wird zu oft mit Argwohn oder Mitleid begegnet; es wird angenommen, dass sie eine der entscheidenden Erfahrungen des Frauseins versäumt haben und ihr Leben im Ergebnis unbedeutender sein muss. Die Männer, mit denen ich gesprochen habe, darunter der Kandidat für den stellvertretenden Vorsitz der Labour Partei, Ben Bradshaw, sagten, dass diese Sichtweise ihnen nicht in gleichem Ausmaß geschadet habe. Haben Sie jemals einen sorgenvollen Artikel über Eric Pickles gelesen kein Vater zu sein?

Das sind die Gründe, warum wir keine Männer auf der Titelseite haben. Es gibt Zeiten, in denen eine universelle Sichtweise angemessen ist, aber seit einigen Jahren scheuen wir davor zurück über “Frauenfragen” zu reden, wenn sich herausstellt, dass auch nur ein einziger einsamer Mann ebenfalls betroffen ist. Es erinnert mich an die französische Grammatik – Sie können eine Gruppe von Frauen “elles” nennen, aber sobald ein einzelner Mann dazukommt, müssen Sie über “ils” reden. Männer müssen immer priorisiert werden. Es gibt zum Beispiel einen enormen Widerstand über Gewalt gegen Frauen zu sprechen, weil Männer auch unter Gewalt leiden – und dabei wird die Statistik ignoriert, dass 94% der Gewalt gegen Frauen von Männern begangen wird. Merkwürdig ist, dass dieser Wunsch nach Inklusivität nie in die andere Richtung zu gehen scheint: Ich habe noch nie eine Gruppe von Feministinnen sich wütend darüber beschweren hören, dass Frauen sich auch ihr eigenes Leben nehmen, also sollten wir auch nicht über die viel höhere Selbstmordrate unter Männern sprechen.

Es gibt auch den Ansatz der oberflächlichen Analyse, die sich dagegen wehrt das Problem zu benennen, als ob durch das Sprechen über offensichtlichen Sexismus die Gefahr erhöht würde, dass er sich fortsetzt. Vielleicht, wenn wir nicht erwähnen, dass die Karriere von Frauen viel mehr Schaden nimmt als die von Männern, wenn sie Kinder haben, wird das Problem von selbst weggehen? Eine meiner Freundinnen nennt dies die “sie, die es erfahren hat, hat sich damit beschäftigt” Schule des politischen Denkens. Da mag sie Recht haben.

Also ja, wir müssen über Mutterschaft reden – und auch über Vaterschaft, wenn es angebracht ist. Dabei werden sich die Menschen unwohl fühlen und, wie bei allen feministischen Anliegen, werden uns 9.999 Dinge genannt werden, über wie wir stattdessen sprechen sollten (ich glaube, diese Woche ist es immer noch die Verstümmelung weiblicher Genitalien). Wir müssen weg von dem zu nichts führenden Argument, dass Kinder zu haben nur eine Frage der persönlichen Wahl ist, und wir müssen uns fragen, ob es wirklich eine “natürliche” Gesellschaftsstruktur darstellt, wenn Mütter benachteiligt werden. Und schauen Sie – wenn es Ihnen nicht gefällt, wir können immer wieder eine weitere Magazin-Titelseite mit Nigel Farage, nackt in einer Muschel, anfertigen.

Plötzlich scheint es nicht mehr so erschreckend über Kinderlosigkeit zu sprechen, nicht wahr?

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Übersetzung eines Kommentars zur Krise in Griechenland

Übersetzung von “Greece is the latest battleground in the financial elite’s war on democracy”
http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jul/07/greece-financial-elite-democracy-liassez-faire-neoliberalism

Griechenland ist das jüngste Schlachtfeld im Krieg der Finanzelite gegen Demokratie

von George Monbiot, the Guardian, 7. Juli 2015

Von der Laissez-faire Ökonomie im 18. Jahrhundert Indiens bis zum Neoliberalismus im heutigen Europa ist die Unterordnung des menschlichen Wohls unter die Macht eine brutale Tradition

Griechenland mag finanziell bankrott sein, aber die Troika ist politisch bankrott. Die, die diese Nation schikanieren, üben eine ungesetzliche, undemokratische Macht aus, Macht der Art, die uns alle betrifft. Schauen Sie sich den Internationalen Währungsfonds (IWF) an. Die Die Verteilung der Macht hier war ein perfekt abgekartetes Spiel. IMF-Entscheidungen bedürfen einer 85%-igen Mehrheit, und die USA halten 17% der Stimmen.

Der IWF wird kontrolliert von den Reichen, und herrscht über die Armen in deren Interesse. Er tut nun Griechenland das an, was er einer armen Nation nach der anderen angetan hat, von Argentinien bis Sambia. Seine Strukturanpassungsprogramme haben Dutzende von gewählten Regierungen dazu gezwungen, die öffentlichen Ausgaben zu verringern, das Gesundheitswesen, das Bildungswesen und alle Möglichkeiten zu vernichten, mit denen die Verdammten dieser Erde ihr Leben verbessern könnten.

Es wir immer das gleiche Programm auferlegt, unabhängig von den Umständen: jedes Land, das der IWF besiedelt, muss die Kontrolle der Inflation vor anderen wirtschaftlichen Ziele setzen; umgehend alle Hemmnisse für Handel und den Kapitalfluss entfernen; sein Bankensystem liberalisieren; alle Staatsausgaben bis auf die Schuldentilgung reduzieren; und Vermögenswerte privatisieren, die an ausländische Investoren verkauft werden können.

Mit der Drohung seiner selbst erfüllenden Prophezeiung (er warnt die Finanzmärkte, dass die Länder, die nicht auf seine Forderungen eingehen, zum Scheitern verurteilt sind), hat er die Regierungen gezwungen, eine progressive Politik aufzugeben. Fast im Alleingang hat er die asiatischen Finanzkrise 1997 entfacht: mit dem Zwang für Regierungen, die Kapitalverkehrskontrollen zu entfernen, machte er Währungen für Finanzspekulanten angreifbar. Nur Länder wie Malaysia und China, die sich weigerten nachzugeben, entkamen.

Betrachten Sie die Europäische Zentralbank. Wie die meisten anderen Zentralbanken, genießt sie “politische Unabhängigkeit”. Dies bedeutet nicht, dass sie frei von der Politik ist, nur, dass sie frei von Demokratie ist. Sie wird stattdessen beherrscht vom Finanzsektor, dessen Interessen sie verfassungsrechtlich verpflichtet ist durchzufechten durch ihr Inflationsziel von rund 2%. Immer darauf bedacht, wo die Macht liegt, hat sie dieses Mandat überschritten, Deflation und epische Arbeitslosigkeit in ärmeren Mitgliedsländern der Eurozone verursacht.

Der Vertrag von Maastricht, der die Europäische Union und den Euro begründet hat, wurde auf einem tödlichen Irrglauben aufgebaut. Dem Glauben, dass die EZB die einzige gemeinsame wirtschaftliche Führung darstellen könnte, die für die Währungsunion notwendig war. Er entstand aus einer extremen Version des Marktfundamentalismus: wenn die Inflation niedrig gehalten würde, stellten sich die Autoren vor, würde die Magie der Märkte alle anderen sozialen und wirtschaftlichen Probleme lösen und die Politik überflüssig machen. Diese nüchternen, fähigen, ernsthaften Leute, die sich jetzt die einzigen Erwachsenen im Raum nannten, erweisen sich als wahnsinnige, utopische Phantasten, Verehrer eines fanatischen Wirtschaftskults.

All dies ist nicht als ein aktuelles Kapitel in der langen Tradition der Unterordnung des menschlichen Wohls unter die die finanzielle Macht. Die Griechenland auferlegte brutale Sparpolitik ist milde im Vergleich zu früheren Versionen. Nehmen Sie die irischen und indischen Hungersnöte im 19. Jahrhundert, beide noch verstärkt (im zweiten Fall sogar verursacht) durch die Lehre des Laissez-faire, die wir heute als Marktfundamentalismus oder Neoliberalismus kennen.

Im Falle Irlands wurde in den späten 1840er Jahren ein Achtel der Bevölkerung getötet – man könnte fast sagen ermordet -, teilweise durch die Weigerung der Briten, Nahrung zu verteilen, die Ausfuhr von Getreide zu verbieten oder einer wirksamen Armenfürsorge. Eine solche Politik verletzte die heilige Lehre der Laissez-faire Ökonomie, dass nichts die unsichtbare Hand des Marktes aufhalten sollte.

Als Indien in den Jahren 1877 und 1878 von einer Dürre getroffen wurde, bestand die britische imperiale Regierung darauf, Rekordmengen von Getreide zu exportieren und löste damit eine Hungersnot aus, durch die Millionen getötet wurden. Der „Anti-Charitable Contributions Act“ von 1877 verbot “beim Schmerz der Haft private Entlastungsspenden, die möglicherweise in die Feststellung der Kurse für Getreidepreise eingriffen hätte.“ Die einzige erlaubte Entlastung war Zwangsarbeit in Arbeitslagern, in denen es weniger Nahrung gab als für die Insassen in Buchenwald. Die monatliche Sterblichkeit in den Lagern im Jahr 1877 entsprach einer jährlichen Rate von 94%.

Wie Karl Polanyi in „The Great Transformation“ argumentierte, hinderte der Goldstandard – das sich selbst regulierende System im Herzen der Laissez-faire Ökonomie – Regierungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert an der Erhöhung der öffentlichen Ausgaben oder der Beschäftigungsförderung. Er verpflichtete sie, die Mehrheit arm zu halten während die Reichen ein Goldenes Zeitalter genossen. Nur wenige Möglichkeiten standen zur Verfügung, die öffentliche Unzufriedenheit einzudämmen, außer Reichtum aus den Kolonien zu saugen und den aggressiven Nationalismus zu fördern. Dies war einer der Faktoren, die zum Ersten Weltkrieg beigetragen haben. Die Wiederaufnahme des Goldstandards von vielen Nationen nach dem Krieg verschärfte die Weltwirtschaftskrise und behinderte Zentralbanken bei der Erhöhung der Geldmenge und der Finanzierung von Defiziten. Man könnte gehofft haben, dass die heutigen europäischen Regierungen diese Ergebnisse erinnern würden.

Heute gibt es zuhauf Entsprechungen zum Goldstandard – unflexible Verpflichtungen zur Sparpolitik. Im Dezember 2011 beschloss der Europäische Rat einen neuen Fiskalpakt, der allen Mitgliedern der Eurozone das Gebot auferlegte, dass “die öffentlichen Haushalte ausgeglichen sein sollen oder einen Überschuss erzielen müssen”. Dieses Gebot, das in nationales Recht umgeschrieben werden musste, würde “einen automatischen Korrekturmechanismus, der im Falle einer Abweichung ausgelöst werden soll” enthalten. Dies hilft, das feudalherrschaftliche Entsetzen zu erklären, mit dem die nicht gewählten Technokraten der Troika das Wiederaufleben der Demokratie in Griechenland begrüßt haben. Hatten sie nicht dafür gesorgt, dass eine Wahlmöglichkeit illegal war? Derartige Diktate bedeuten, dass das einzig mögliche demokratische Ergebnis in Europa heute der Zusammenbruch des Euro ist: man mag es mögen oder nicht, alles andere ist eine auf kleiner Flamme brennende Tyrannei.

Es ist schwer für die Linken von uns zuzugeben, aber Margaret Thatcher rettete das Vereinigte Königreich vor dieser Herrscherwillkür. Die Europäische Währungsunion, so sagte sie voraus, würde sicherstellen, dass die ärmeren Länder keine Schuldenübernahme erhalten dürfen, “was ihre ineffiziente Wirtschaft ganz vernichten würde.”

Aber nur, so scheint es für ihre Partei, um diese Willkür mit einer im eignen Land entstandenen Tyrannei zu ersetzen. George Osbornes vorgeschlagene rechtliche Verpflichtung zu einem Haushaltsüberschuss übertrifft das Gebot der Eurozone. Die von der Labour Partei versprochene Haushaltsausgabensperre, obwohl milder, hatte einen ähnlichen Zweck. In allen Fällen verweigern sich Regierungen selbst die Möglichkeit der Veränderung. Mit anderen Worten, sie verpflichten sich Demokratie zu verhindern. So war es in den vergangenen zwei Jahrhunderten, mit Ausnahme der dreißigjährigen keynesianischen Erholung.

Die Vernichtung der politischen Wahl ist nicht ein Nebeneffekt dieses utopischen Glaubenssystems, sondern ein notwendiger Bestandteil. Neoliberalismus ist von Natur aus unvereinbar mit Demokratie, so wie die Menschen immer gegen Sparpolitik und finanzpolitische Tyrannei rebellieren werden. Einer muss etwas abgeben, und es müssen die Menschen sein. Das ist der wahre Weg zur Knechtschaft: Aufhebung der Demokratie im Namen der Elite.

Twitter: @georgemonbiot . Eine mit allen Hinweisen versehene Version dieses Artikels finden Sie auf  Monbiot.com

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