Der Wahnsinn des König Donald

Übersetzung von “The Madness of King Donald”
http://nymag.com/daily/intelligencer/2017/02/andrew-sullivan-the-madness-of-king-donald.html

Andrew Sullivan, NYMag.com, 10. Februar 2017

Ich denke, ich sollte damit anfangen zu sagen, dass dies ist kein Blog ist. Es ist auch nicht das, was man eine Kolumne nennen könnte. Es ist eine Art Experiment, um zu sehen, ob es etwas dazwischen gibt. Von jetzt an werde ich an den meisten Freitagen hier schreiben, unter anderem über das Ende der westlichen Zivilisation, den Zusammenbruch der Republik und, ja, meine Beagles. Wenn Sie ein altgedienter Leser meiner ehemaligen Website “the Dish” sind, könnten Sie es manchmal unheimlich finden. Ich vielleicht auch. Das Modell, dem ich versuche zu folgen, steht eher in Tradition eines britischen Magazins mit einem wöchentlichen Tagebuch – über aktuellen Nachrichten, aber mit ein bisschen Abstand, persönlich wie auch politisch, mehr wie ein Gespräch als ein förmlicher Bericht.

Anfangen möchte ich mit Trumps Lügen. Es ist jetzt allgemeingültig, dass Trump und seine Untergebenen faustdicke Lügen erzählen. Faktenprüfer haben es noch nie so gut gehabt. Aber Tatsache ist, dass alle Politiker lügen. Bei Bill Clinton verging kaum einen Tag ohne eine Abtönung oder Aufspaltung der Wahrheit. Richard Nixon war berühmt für seine Tricksereien. Aber alle traditionellen politischen Aufschneider zollten der Wahrheit trotzdem Achtung, auch wenn sie ihr auswichen. Sie erkannten eine gemeinsame Wirklichkeit an und verneigten sich davor. Sie erkannten die Notwendigkeit einer gemeinsamen Reihe von Tatsachen an, damit eine liberale Demokratie überhaupt funktionieren kann. Trumps Lügen sind anders. Sie sind eine direkte Anfechtungen der Wirklichkeit – und bei ihrer Verbreitung und Wiederholung geht es darum, seine Macht zu verstärken anstatt sich aus einer politischen schwierigen Frage herauszuwinden. Sie sind Angriffe auf die kleinste Möglichkeit eines vernünftigen Diskurses, die Art von glatten Lügen, die autoritäre Regime darstellen als eine Möglichkeit zur Prüfung der Loyalität, und um ihre Untertanen in die Unterwerfung zu zwingen. Diese erste Pressekonferenz, in die Sean Spicer geschickt wurde um gegenüber der Presse zu lügen und über die Einweihungsfeier zu schwadronieren, erinnerte mich an einen sowjetischen Apparatchik, dessen Treue geprüft wurde, um zu sehen, ob er öffentlich wiederholen konnte, was er als falsch kannte. Es war komisch, aber auch leicht abschreckend.

Was meine ich mit der Leugnung der empirischen Wirklichkeit? Denken Sie an einer der jüngsten. Am Mittwoch veröffentlichte Senator Richard Blumenthal die Nachricht, dass Richter Neil Gorsuch, Trumps Kandidat für den lange offenen Sitz am Obersten Gerichtshof, ihm gesagt habe, dass die beispiellosen persönlichen Angriffe des Präsidenten auf Bundesrichter “entmutigend” und “demoralisierend” seien. Innerhalb einer halben Stunde wurde dies bestätigt von Gorsuchs vom Weißen Haus ernannten Sprecher, der bei dem Gespräch anwesend war. CNN berichtete ebenfalls, Senator Ben Sasse habe Gorsuch genau das Gleiche sagen hören, emotional betroffen, wie auch die ehemalige Senatorin Kelly Ayotte.

Der Präsident bestand gestern dennoch zweimal darauf, dass Blumenthal sein Gespräch mit Gorsuch falsch dargestellt habe – zuerst in einem Tweet am frühen Morgen und dann noch einmal gestern Nachmittag vor den Fernsehkameras. Um den Wahnsinn noch zu verstärken, tweetete er auch, dass Chris Cuomo in einem Interview am Morgen niemals Blumenthal auf seine Lügen über seinen Dienst in Vietnam angesprochen hätte – während die Bandaufnahme ganz klar zeigt, dass es das erste war, was Cuomo aufgeworfen hatte.

Wie sollen wir damit umgehen? Wie sollen wir auf einen Präsidenten reagieren, der in derselben Woche erzählt hat, dass die “Mordrate in unserem Land die höchste ist, die es seit 45 bis 47 Jahren gegeben hat”, während, natürlich trotz einiger jüngster, beunruhigender Spitzen in den Städten, es national fast die niedrigste Rate seit den späten 1960er Jahren ist, und die Hälfte der Rate im Jahr 1980. Was sollen wir tun, wenn ein Präsident sagt, dass zwei Menschen in Chicago erschossen wurden während Präsident Obamas Abschiedsrede – wenn dies von der Chicagoer Polizei unmittelbar bestritten wird? Nichts davon wird zudem jemals  korrigiert. Kein Fehler wird jemals zugegeben. Jede Lüge wird in der Regel durch eine andere Lüge erhöht – zusammen mit persönlichen Angriffen.

Was wir tun sollten: jede einzelne Lüge widerlegen. Bestehen Sie weiterhin darauf, dass jede Lüge zurückgezogen wird – und Journalisten in Pressekonferenzen sollten ihre Kollegen mit wiederholter Nachverfolgung unterstützen, wenn Spicer versucht, sich vor der ganzen Wahrheit zu drücken. Lassen Sie nicht zu, dass sie sich einer anderen Frage zuwenden. Bei Interviews mit dem Präsidenten selbst sollte keine Lüge unbehelligt bleiben; der Interviewer sollte drängen und  drängen und drängen  bis die Lüge zugegeben wird. Die Presse darf keine Angst haben, dem Präsidenten sogar ins Gesicht zu sagen ein Lügner zu sein, wenn er darauf beharrt. Das erfordert keinen besonderen Mut. Im Gegenteil, ich denke dabei an jene Dissidenten, deren kritisches Drängen auf die schlichte Wahrheit in einfacher Sprache in der kafkaesken Welt des Totalitarismus die Wirklichkeit am Leben erhielt. Wie der polnische Dissident Adam Michnik einmal sagte: “Im Leben eines jeden ehrenhaften Mannes kommt ein schwerer Moment … wenn die einfache Aussage, dass dies schwarz ist und das weiß ist, einen hohen Preis verlangt.” Der Preis, den Michnik zahlte, waren Jahre im Gefängnis. Können amerikanische Journalisten nicht riskieren, etwas weniger Zugang zu haben oder einen bösen Tweet zu lesen für die gleiche wesentliche Bürgerpflicht?

Dann gibt es die offensichtliche Frage der psychischen und psychologischen Gesundheit des Präsidenten. Ich weiß, dass wir das nicht aufbringen sollen – aber es starrt uns brutal ins Gesicht. Ich stelle mir immer wieder diese einfache Frage: Wenn Sie auf jemanden in Ihrem Alltag stießen, der wiederholt phantastische und nachweislich unwahre Dinge sagte, was würden Sie von ihm denken? Wenn Sie bei einem Nachbarn auftauchen, und Ihr Gastgeber zeigt Ihnen sein neu gestrichenes Wohnzimmer, das tiefblau ist, und er besteht darauf, immer wieder – manisch – dass es ein schöner Scharlachton ist, was wäre Ihre Reaktion? Wenn er dann ein Mitglied seiner Familie herauszerrt und darauf besteht, dass es diese offensichtliche Unwahrheit vor Ihnen wiederholt, wie würden Sie reagieren? Wenn er beim nächsten Mal, wenn Sie vorbeischauen, immer noch über seine wunderschönen neuen roten Wände schwärmt, was würden Sie denken? Ich denke darüber: Dieser Mann tickt nicht richtig. Er ist verwirrt. Er lebt in einer bizarren alternativen Welt. Er ist wahnhaft. Wenn das anhält, würden Sie sich irgendwann entschuldigen und vorsichtig und langsam aus dem Raum und dem Haus gehen und nie wiederkommen. Sie würden Ihre anderen Nachbarn warnen. Sie würden Abstand halten. Wenn Sie ihn sähen, würden Sie höflich sein aber Abstand halten.

Ich denke, das ist ein wesentlicher Grund, warum so viele von uns so verunsichert, ängstlich und nahe der Panik waren in den letzten Monaten. Es ist nicht so sehr die Agenda dieses Präsidenten. Das ändert sich immer von Regierung zu Regierung. Aber wenn der Dreh- und Angelpunkt eines ganzen Landes buchstäblich wahnhaft, klinisch betrügerisch ist und auf jeden Versuch, die Aktenlage zu korrigieren mit Wut und Rache reagiert, dann steht jeder ist an der Grenze.

Es gibt keinen Sicherungspunkt mehr. Im Mittelpunkt der Regierung des mächtigsten Landes der Erde steht stattdessen der Wahnsinn.

Mit jemandem wie ihm, der jede Stunde des Tages in Ihrem Bewusstsein einstürzt, fangen Sie an, einen flüchtigen Blick von dem zu erhalten, wie es sein muss in einer Art von Autokratie leben. Jeden Tag sind in den Ländern, die das Pech haben von einem einsamen Diktator beherrscht zu werden, die Menschen ständig der Anwesenheit des obersten Führers in ihren Häusern und an den Arbeitsplätzen ausgesetzt, oder wenn sie die Straße entlang laufen. Big Brother lässt Sie nie allein. Sein Gesicht rückt Ihnen auf jedem flackernden Bildschirm zu Leibe. Er fängt an, Ihre Psyche und Seele zu durchdringen; er beherrscht jeden Nachrichtenzyklus und macht rund um die Uhr Aussagen, die jede für sich schockierend und destabilisierend sind. Er hat Spaß daran, Sie ständig zu provozieren und zu überraschen, so dass sein monströses Ego beständig gefüttert wird. Und weil er auch mental instabil ist,  für immer um sich schlagend in manischen Krämpfen von Schmerz und Wut, leben Sie jeden Tag mit einem gewissen Maß an Beklommenheit. Mit was wird er am nächsten Tag ankommen? Irgendwie hat er niemals die Kontrolle über sich selbst und hat doch immer die Kontrolle über Sie.

Eine der großen Errungenschaften der freien Gesellschaft in einer stabilen Demokratie ist, dass viele Menschen über einen Großteil der Zeit überhaupt nicht über Politik nachdenken müssen. Der Präsident eines freien Landes kann den Nachrichtenzyklus viele Tage dominieren – aber er ist nicht allgegenwärtig – und weil wir in einem Rechtsstaat leben, können wir es uns leisten, die Nachrichten manchmal abzuschalten. Eine freie Gesellschaft bedeutet, frei von denen zu sein, die über Sie herrschen – um die Dinge zu tun, die Ihnen wichtig sind, Ihre Passionen, Ihre Freizeitbeschäftigungen, Ihre Lieben –  um in dem seligen Raum zu frohlocken, in den die Politik nicht eingreift. In diesem Sinne, so scheint es mir, leben wir bereits in einem Land mit deutlich geringerer Freiheit als vor einem Monat. Es ist weniger wie das Leben in einer Demokratie als wie ein Kind in einem Haus gefangen zu sein, mit einem missbrauchenden und unberechenbaren Vater, der keine Vernunft duldet, keine Gegenargumentation respektiert, keine Fehler zugibt, und immer, immer noch einen draufsetzt, bis die Katastrophe unvermeidlich eintritt. Das meine ich mit der Vorstellung, dass wir eine Notsituation durchleben.

Ich habe Scorseses “Schweigen” zweimal in den letzten Wochen gesehen. Es hat mich buchstäblich zum Schweigen gebracht. Es ist ein überragend schöner Film – aber sein Genie liegt in der Komplexität seines Verständnisses dessen, was der Glaube wirklich ist. Für einige weltliche Liberale ist Glaube eine Art einfacher und simpler Verzicht der Vernunft – eine Befreiung von der Wirklichkeit. Für Scorsese ist es ein Rätsel verpackt in einem Mysterium und oft untrennbar verbunden mit lähmendem, ewigem Zweifel. Sie sehen das in der Entwicklung des Hauptprotagonisten: von einer gewissen absolutistischen Arroganz zu einer langsamen Aufgabe des Stolzes hin zu einer tieferen geistigen Wahrheit. Der Glaube ist am Ende das Ergebnis des Mitansehens wie Ihre früheren Gewissheiten zerbröckeln und wieder aufgebaut werden, schwankend, auf neuem Grund. Gott ist fast immer schweigsam, verborgen, manchmal äußerst schmerzhafterweise, angesichts der schrecklichen Ungerechtigkeit oder des Leidens. Ein Leben im Glauben ist also nicht real, wenn es nicht von Verzweiflung durchsetzt ist.

Es gibt Momente – überragend selten, aber oft unauslöschlich – wenn man die Stimme Gottes hört und das Antlitz Jesu sieht. Man vergisst sie nie – und ich zähle die paar Momente in meinem Leben, wenn ich die Stimme gehört und das Gesicht gesehen habe als reine Andeutung dessen, was kommen wird. Aber der Rest ist wirklich Stille. Und das Gewissen ist etwas, das sich manchmal selbst nicht hören kann. Seltener habe ich die Tiefe dieser Wahrheit so dargestellt gesehen. Das ist vielleicht der Grund, warum der Film bisher nur so ein winziges Publikum hatte. Diejenigen ohne Glauben haben keine Geduld für eine lange Meditation darüber; diejenigen mit Glauben in unserer Zeit sind zu oft mit einer leidenschaftlichen Gewissheit erfüllt um das schätzen zu können. Und die geheimnisvollen Bilder dieses Films können jeden durcheinander bringen. Aber seine ganze Komplexität und Subtilität gaben mir Hoffnung in dieser vulgären, extremistischen Zeit. Wir können diese Surrealität  um uns herum nicht vermeiden. Aber es kann gelegentlich möglich sein sie zu überwinden.

 

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The US Election 2016 and the Electoral College

If the Electoral College do care about the future of the US as well as the whole world they could have no choice but to choose Clinton.

What we have learned these last days about Trump: His open attitude „to capitalize” on the presidency on many levels, his choice of unfit people as important governmental officials, his numerous pending law suits, his dubious private life.

On the other hand, there is Clinton, the winner, by far, of the popular vote. She is the most qualified candidate for president in more than a generation because of her previous work.

The electors are free to choose. There is no reason to change the election result as the people decided it: in Clinton’s favour.

Die Gefahren der Twitter-Berühmtheit

Übersetzung von “The perils of being Twitter famous”
http://www.gq-magazine.co.uk/article/famous-on-twitter

The Guyliner,  , GQ Magazine UK, 21. Juli 2016

Wie definierst Du Ruhm? Es ist ein Thema, das ziemlich häufig zur Sprache kommt, vor allem auf Twitter, in der Regel, wenn eine entgeisterte Nation die Auftaktnacht von Celebrity Big Brother schaut. “Wer zum Teufel sind diese Leute?”, ruft Joe Publikum von seinem abwischbaren Sofa, Wut schäumt auf wie von eine Dose Stella Bier, die den ganzen Tag im Fond eines Malerwagens herumgerollt ist. “Das sind keine Prominenten! Sie sind nicht berühmt! Ich habe noch nie von denen gehört!” Aber die Sache ist, Joe, es spielt keine Rolle, ob Du davon gehört hast – so lange es irgendjemand gehört hat.

Bei Ruhm geht es darum, sowohl in den Kreisen, in denen Du Dich bewegst und darüber hinaus bekannt zu sein, und er ist ein häufiger Bettgeselle der traurigen Berühmtheit. Aber wenn es Grade von Ruhm gibt, mit Hollywood Megastarruhm und / oder Prinzessin Diana an der Spitze, dann liegt irgendwo in Richtung unteres Ende der Skala – knapp darüber örtlich bekannt zu sein als der Mann, der bei Ladendiebstählen im House of Fraser erwischt wurde – der Twitter Ruhm. Oh, es ist ein Thema – tu nicht so als wüsstest Du das nicht. Den genauen Punkt, an dem „eine Menge von Follower“ sich in Ruhm verwandelt, kann ich Dir nicht sagen, aber wenn die Leute “Dich von Twitter her kennen” und über Dich auf und abseits der viel geschmähten Plattform sprechen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Du‘s bist. Er gehört dir. Der Twitter Promi-Status gehört Dir. Und das große Problem ist: Es ist ätzend. Ätzend mit der Wirkung von 12.000 Liter Salzsäure. Hier ist der Grund.

Sag auf Wiedersehen zu Ironie und Hallo zu vorsätzlicher Buchstäblichkeit

Wenn Du einen Witz erzählen willst, ist es wahrscheinlich am besten bei denen aus Knallbonbons zu bleiben. Du denkst vielleicht, Dein letzter Tweet war eine irgendwie amüsante Einschätzung zu aktuellen Ereignissen, aber Deine User könnten glauben, dass es Deine tatsächliche Meinung ist. Manche Menschen sind entschlossen, die Dinge falsch zu verstehen und übergehen völlig Deine humoristische Absicht und drehen sie in etwas ganz anderes um. Einen netten Witz über jemand aus einer Reality-Show machen? Innerhalb weniger Minuten wirst Du der Hassreden oder des Mobbing beschuldigt, oder noch schlimmer, “gar nicht lustig” zu sein. Melde Dich ab, Du hast verloren.

Du wirst für Deinen Mist zur Rede gestellt werden

Manchmal sind Deine Witze nicht lustig. Manchmal hast Du nachlässig getwittert und nicht das größere Bild im Auge gehabt. Manchmal handelst Du wie eine gedankenlose, witzlose Arschgeige, und Du weißt es. Nun, mach Dich gefasst, mein Schatz, die Welt ist dabei Dich das wissen zu lassen. Vergiss es unter dem Radar zu fliegen; du bist ein großes Bündel verfolgbaren, verantwortlichen, potentiellen PR-Desasters, die Welt kommt zu Dir und wird nicht zufrieden sein, bis sie mit Deinem Skalp in der Hand davon stolziert. Was bedeutet…

Du musst sorgfältiger sein – oder zumindest solltest Du

Wenn Du darüber sinnierst, “Herrje, ich kann nicht mal mehr etwas so harmloses sagen”, frage Dich a) ob es wirklich so harmlos ist und b) warum Du es sagen willst. Herausfordernde Kontroverse ist schön und gut und es gibt eine Zeit und einen Ort dafür, wenn sie ein Licht auf Heuchelei und Ungerechtigkeit wirft, aber frage Dich, ob Du wirklich diese Person sein willst. Das, glaube ich, ist tatsächlich ein Positivum der Berühmtheit in sozialen Medien – es sollte Dich zu einem mitfühlenderen, einfühlsameren, sensibleren Menschen werden lassen. Wenn nicht, bist Du ein meterhoher Berg von Müll und es gibt keine Hoffnung für Dich. Entweder das, oder du bist ein Betrüger und machst es für die Aufmerksamkeit. Besser mach daraus einen zwei Meter hohen Haufen Müll.

Fremde werden mit Dir schlafen wollen

Ich weiß, das klingt wie etwas Gutes, aber denk daran: Sie kennen Dich nicht. Sie glauben, sie wollen Sex mit Dir haben, aber das ist so, weil sie in seliger Ahnungslosigkeit sind, dass Du eine Stimme wie aus ‘Fire In A Pet Shop’ hast und täglich mit waffenfähiger Halitosis kämpfst. Vereinbare die Verabredung wenn Du willst, stimme zu sie für eine schnelle Nummer zu treffen – aber bereite Dich darauf vor eine Enttäuschung zu sein. Ihr Gesicht zu sehen mit der Erkenntnis, dass es Deine Tweets sind, die vögelnswert sind, und nicht Du – das bleibt für immer bei Dir.

Die Menschen antworten

Etwas passiert mit Menschen mit, sagen wir, mehr als 10.000 Follower. Sie neigen dazu aufzuhören Gespräche zu führen und anzufangen Beiträge zu verbreiten. Ob sie ihren eigenen Hype glauben oder einfach, dass sie zu beschäftigt sind, sich in Geplauder mit einfachen Sterblichen zu engagieren, ist unklar – sie sagen es Dir nie, weil sie nicht mit Dir reden –, aber eine der sinnlosesten Verwendungen von Twitter ist lediglich in den Äther hineinzurufen, jede Antwort so gering wie eine Unbequemlichkeit zu behandeln. Aber die Leute werden antworten. Sie wollen mit Dir reden. Die Sache funktioniert zweiseitig, verstehst Du. Nein, Du kannst nicht allen antworten, aber Du kannst zumindest den Willen zeigen. Du bist berühmt auf Twitter, stimmt, aber Du bist nicht Madonna. Draußen steht keine Limousine, mein Schatz; auch wenn man immer noch vorne in den Autos sitzt ist man nicht Scheiße.

Du wirst wahrscheinlich ein machthungriges Monster werden

Du bist also da draußen am Verbreiten und die Leute nehme es begierig auf, positionieren Dich und retweeten Dich als ob ihr Leben davon abhinge und, Junge, die Menschen wissen tatsächlich wer Du bist. Du kannst entweder davon einen Schritt zurücktreten und es zu schätzen wissen, als das was es ist, und diesen  “Einfluss” klug nutzen oder Du wirst ein erstklassiger Trottel, Dir einen Messias-Komplex aneignen und beginnen zu glauben die  Menschen sollten beachten was Du sagt, egal was es ist. Schau verwundert zu, wie die Ehrfurcht Deiner real life-Freunde und Deiner Familie vor Deiner Popularität sich  in leichten Ekel verwandelt, gefolgt von verächtlichem Schrecken, wenn Du beginnst im Radio oder Fernsehen zu  erscheinen, alle diese wirklich schlimmsten Meinungen speiend. Es wird Dich nähren, und es ist erschreckend kalorienreich – Du verwandelst Dich von einem leicht schrulligen und leicht idiotischen Kuriosum in eine zehnköpfige, hysterische Hydra, die Menschen erzählt sie können Schallwellen sehen.

Du könntest unwissentlich ein Rädelsführer werden

Wahrscheinlich wurdest Du in der Schule gemobbt, also Glückwunsch! Jetzt ist Deine Zeit direkt über den Zaun zu springen und das Belagern von der anderen Seite zu erleben. Du kannst “unschuldig” tweeten oder etwas retweeten – vielleicht mit einer geistreichen Nebenbemerkung, die Deine Follower so mögen – und hoppla! Plötzlich wird die Zielperson Deiner Belustigung ausgepfiffen und an den Pranger gestellt, in Stücke gerissen von Deiner reißzahnlosen, tot-äugigen, Dich anbetenden Armee, bis sie Twitter aufgibt  oder den Rest ihres Lebens damit verbringt, Ei-köpfige Profile aus Ontario oder Ipswich zu blocken, die sie wiederholt in links zu Tierpornographie erwähnt haben. Wie fühlst Du Dich dabei? Wie schade, dass Twitter keinen Ton hat, so dass Du das beglückwünschende Hämmern von Fäusten auf den Tischen hören kannst oder die erklingenden  Chorgesänge “Denn er ist ein prächtiger Bursche”, unmelodisch und endlos gesungen, die Worte gedämpft durch die fusselige, speichel-verkrustete Wolle der Sturmhauben der Sänger.

Es kann Dein Leben verändern

Aber lasst uns auf mit einem Hoch enden. Das müssen wir. Viele Follower auf Twitter zu haben kann Dich für immer verändern. Du wirst mit Leuten reden, die Du nie im wirklichen Leben treffen würdest, aus allen Ecken der Welt. Die Menschen werden Dich unterstützen und sie werden Dich herausfordern, und Du wirst – sollst – daraus lernen und es wertschätzen. Egal, ob Du in Deinen Echoraum plapperst oder einen Gerichtssaal mit allen Kritikern ansprichst, Du bist nie allein. Es gibt Augen, und es gibt Ohren, und es gibt tippende Finger – und sie sind auf Dich abgerichtet. Verschwende nicht die Gelegenheit. Tu etwas Gutes damit. Sei nicht dieser Typ. Es kann eine Weile dauern, aber es endet nie gut für ihn.

 

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Übersetzung eines Kommentars zur “Strafe” der Mutterschaft

Übersetzung von “The perils of even raising the ‘penalty’ of motherhood”
http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jul/19/cant-ignore-penalty-of-motherhood-new-statesman?CMP=share_btn_tw

Die Gefahren, das Thema “Strafe” der Mutterschaft auch nur anzuschneiden

Helen Lewis, the Guardian, 19. Juli 2015

Als stellvertretende Chefredakteurin des New Statesman habe ich gerade entdeckt, darauf hinzuweisen, dass viele mächtige Frauen kinderlos sind, provoziert eine zutiefst emotionale Debatte

Es passiert nicht jeden Tag von Nicola Sturgeon gerüffelt zu werden. Aber genau das ist letzte Woche passiert, als die Vorsitzende der Partei SNP Anstoß nahm an der Vorderseite der aktuellen Ausgabe des New Statesman , die vier Politikerinnen um eine Krippe stehend mit einer Wahlurne darin zeigte. Keine der abgebildeten Frauen hat Kinder, ein Umstand, der dazu beigetragen haben könnte ein hohes Amt zu erreichen.

Sturgeon hat die Titelseite “haarsträubend” genannt, obwohl sie einräumte, dass der von mir geschriebene, innen stehende Artikel zu Mutterschaft und Politik interessant und den Aufwand wert sei. Nun, ich habe großen Respekt vor der Ersten Ministerin Schottlands, sie hat die scharfen Spitzen gespürt eine Frau in der Politik zu sein, also nehme ich ihre Kritik ernst. Abgesehen davon, ganz ehrlich glaube ich, der Artikel wäre in jedem Fall angegriffen worden, wie auch immer wir ihn bildlich dargestellt hätten.

Und zwar, weil die Debatte zur Mutterschaft zutiefst emotional ist, ironischerweise ähnlich wie der Nationalismus. Sie übergeht den nüchternen, rationalen Teil von uns, der abstrakte Ideen und politischen Fragen abwägt, und geht direkt in den Bauch und löst eine instinktive Reaktion aus. Das gilt für viele Frauen, jede Diskussion, ob wir Kinder (durch Wahl oder Umstand) haben oder nicht, trifft uns hart. Wir fühlen uns beurteilt.

Im Zuge der Kommentare von Sturgeon ergingen sich viele andere Twitterer in einer leichten Art Kremlforschung an der Symbolik des Titelblattes. Warum haben wir “Erfolg” mit einem hohen politischen Amt gleichgesetzt? Sollten wir nicht das Wort “kinderfrei” statt “kinderlos” verwendet haben? Warum gab es denn keine schwarzen Frauen auf dem Cover und warum enthielt der Artikel keine Diskussion über Transsexuelle? Warum schauen alle beteiligten Frauen so düster? Und, mit einer Frage, die jeden Tag durch die einsamen Hallen des Internets hallt – was ist mit den Männern?

Einige dieser Kritikpunkte sind nicht zu beantworten: zum Beispiel, wir haben dem Cover-Künstler keine bestimmte Richtung vorgegeben, welche Gesichtsausdrücke zu verwenden sind; meine Vermutung ist, dass es relativ wenig Belegbilder von Angela Merkel grinsend von Ohr zu Ohr gibt. (Außerdem, vier Frauen breit lächelnd um ein Kinderbett würde auf eigene Weise auch seltsam aussehen.) Vergleichbar ist, dass, “kinderlos” das allgemein verwendete Wort ist, während Aktivisten, die die Verwendung von “kinderfrei” bewerben, damit das Argument anbringen möchten, dass sie sich bewusst dazu entschieden haben keine Kinder zu haben. Aber wer kann sagen, ob das für eine der Frauen gilt, die wir in dem Bild dargestellt haben? Vielleicht war es unfair sie ausgewählt zu haben; zu unserer Verteidigung möchte ich sagen, dass unser Titelbild zu Ostern im vergangenen Jahr einen nackten Nigel Farage als Venus von Botticelli gezeigt hat. Die Linie zwischen provokant und beleidigend ist eben immer subjektiv.

Der einzige Kritikpunkt, der es wert ist ihm ohne Umschweife entgegenzutreten ist die Idee, dass Mutterschaft eine rein persönliche Entscheidung ist und keinen anderen etwas angeht. Das stimmt auf individueller Ebene; wir sollten nicht versuchen, die Persönlichkeit einer Frau durch ihren Reproduktionsstatus zu analysieren. Aber es gibt Schneisen in der Regierungspolitik Familien zu unterstützen, dazu gehören steuerliche Absetzmöglichkeiten und Elternurlaub. Im Bundeshaushalt zum Sommer hat George Osborne effektiv eine Obergrenze für die Zahl der Kinder gesetzt, von der die Regierung glaubt, dass eine bedürftige Familie sie haben sollte – mit zwei Kindern – durch Begrenzung der staatlichen Beihilfen. Zur gleichen Zeit verlassen wir uns alle darauf, dass die heutigen Jugendlichen aufwachsen, um die Steuern zu zahlen, die unsere Pensionen finanzieren. Außer wenn Sie glauben, dass es so etwas wie eine Gesellschaft nicht gibt, ist Mutterschaft wichtig.

Ich sage “Mutterschaft” nicht Elternschaft, weil ich denke, dass wir die Aufmerksamkeit dahin lenken müssen, dass Betreuungsaufgaben Frauen mehr als Männer betreffen. (Und es sind nicht nur Kinder, um die sie sich kümmern, 75% derjenigen, die ein Pflegegeld beanspruchen, sind Frauen.)

Die parlamentarischen Statistiken machen das Gefälle sehr deutlich. Im Jahr 2013 waren nur 28% der männlichen Abgeordneten kinderlos – gegenüber 45% der Frauen. Weibliche Abgeordnete haben durchschnittlich 1,2 Kinder, verglichen mit 1,9 bei den Männern, und deren Kinder sind meist älter, wenn sie in die Politik gehen. Dies belegt ein Muster, das auch in anderen Berufen zu sehen: Frauen stehen vor einer “Mutterschafts-Strafe”, weil angenommen wird, Kinder zu haben bedeutet, dass sie weniger engagiert sind auf ihrer Arbeitsstelle; Männer erhalten einen “Vaterschafts-Bonus”, weil angenommen wird, eine Familie zu haben bedeutet, dass sie beständig sind, engagiert, vernünftige Bürger.

Die Leistungen einzelner Mütter wie Harriet Harman oder Margaret Thatcher kann nicht über das Gesamtbild hinwegtäuschen: Das jonglieren zwischen Kindern und Beruf schadet dem Gehalt einer Frau für den Rest ihres Lebens, und macht es schwieriger, eine Spitzenposition in einem Beruf zu erreichen. Für die Politik ist das wichtig, weil unser Parlament bemüht sein sollte, Vertreter des ganzen Landes zu sein. Wir wollen nicht, dass zum Beispiel eine Reihe von Mittelklasse-Typen aus dem ländlichen Shropshire Politik für innerstädtische Banden macht, oder dass Invaliditätsleistungen eingestellt werden ohne Erfahrungswerte derjenigen zu berücksichtigen, die mit Multiple Sklerose oder chronischer Müdigkeit konfrontiert wurden. Es ist sehr schwer zu glauben, dass die großen Reformen der Kinderbetreuung in den letzten Jahrzehnten ohne Beteiligung von Frauen erreicht worden wären.

Die andere Seite meiner Argumentation im Artikel war der Blick von der anderen Seite des Tisches (meine eigene Seite, zufälligerweise). Kinderlosen Frauen wird zu oft mit Argwohn oder Mitleid begegnet; es wird angenommen, dass sie eine der entscheidenden Erfahrungen des Frauseins versäumt haben und ihr Leben im Ergebnis unbedeutender sein muss. Die Männer, mit denen ich gesprochen habe, darunter der Kandidat für den stellvertretenden Vorsitz der Labour Partei, Ben Bradshaw, sagten, dass diese Sichtweise ihnen nicht in gleichem Ausmaß geschadet habe. Haben Sie jemals einen sorgenvollen Artikel über Eric Pickles gelesen kein Vater zu sein?

Das sind die Gründe, warum wir keine Männer auf der Titelseite haben. Es gibt Zeiten, in denen eine universelle Sichtweise angemessen ist, aber seit einigen Jahren scheuen wir davor zurück über “Frauenfragen” zu reden, wenn sich herausstellt, dass auch nur ein einziger einsamer Mann ebenfalls betroffen ist. Es erinnert mich an die französische Grammatik – Sie können eine Gruppe von Frauen “elles” nennen, aber sobald ein einzelner Mann dazukommt, müssen Sie über “ils” reden. Männer müssen immer priorisiert werden. Es gibt zum Beispiel einen enormen Widerstand über Gewalt gegen Frauen zu sprechen, weil Männer auch unter Gewalt leiden – und dabei wird die Statistik ignoriert, dass 94% der Gewalt gegen Frauen von Männern begangen wird. Merkwürdig ist, dass dieser Wunsch nach Inklusivität nie in die andere Richtung zu gehen scheint: Ich habe noch nie eine Gruppe von Feministinnen sich wütend darüber beschweren hören, dass Frauen sich auch ihr eigenes Leben nehmen, also sollten wir auch nicht über die viel höhere Selbstmordrate unter Männern sprechen.

Es gibt auch den Ansatz der oberflächlichen Analyse, die sich dagegen wehrt das Problem zu benennen, als ob durch das Sprechen über offensichtlichen Sexismus die Gefahr erhöht würde, dass er sich fortsetzt. Vielleicht, wenn wir nicht erwähnen, dass die Karriere von Frauen viel mehr Schaden nimmt als die von Männern, wenn sie Kinder haben, wird das Problem von selbst weggehen? Eine meiner Freundinnen nennt dies die “sie, die es erfahren hat, hat sich damit beschäftigt” Schule des politischen Denkens. Da mag sie Recht haben.

Also ja, wir müssen über Mutterschaft reden – und auch über Vaterschaft, wenn es angebracht ist. Dabei werden sich die Menschen unwohl fühlen und, wie bei allen feministischen Anliegen, werden uns 9.999 Dinge genannt werden, über wie wir stattdessen sprechen sollten (ich glaube, diese Woche ist es immer noch die Verstümmelung weiblicher Genitalien). Wir müssen weg von dem zu nichts führenden Argument, dass Kinder zu haben nur eine Frage der persönlichen Wahl ist, und wir müssen uns fragen, ob es wirklich eine “natürliche” Gesellschaftsstruktur darstellt, wenn Mütter benachteiligt werden. Und schauen Sie – wenn es Ihnen nicht gefällt, wir können immer wieder eine weitere Magazin-Titelseite mit Nigel Farage, nackt in einer Muschel, anfertigen.

Plötzlich scheint es nicht mehr so erschreckend über Kinderlosigkeit zu sprechen, nicht wahr?

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Übersetzung eines Kommentars zur Krise in Griechenland

Übersetzung von “Greece is the latest battleground in the financial elite’s war on democracy”
http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jul/07/greece-financial-elite-democracy-liassez-faire-neoliberalism

Griechenland ist das jüngste Schlachtfeld im Krieg der Finanzelite gegen Demokratie

von George Monbiot, the Guardian, 7. Juli 2015

Von der Laissez-faire Ökonomie im 18. Jahrhundert Indiens bis zum Neoliberalismus im heutigen Europa ist die Unterordnung des menschlichen Wohls unter die Macht eine brutale Tradition

Griechenland mag finanziell bankrott sein, aber die Troika ist politisch bankrott. Die, die diese Nation schikanieren, üben eine ungesetzliche, undemokratische Macht aus, Macht der Art, die uns alle betrifft. Schauen Sie sich den Internationalen Währungsfonds (IWF) an. Die Die Verteilung der Macht hier war ein perfekt abgekartetes Spiel. IMF-Entscheidungen bedürfen einer 85%-igen Mehrheit, und die USA halten 17% der Stimmen.

Der IWF wird kontrolliert von den Reichen, und herrscht über die Armen in deren Interesse. Er tut nun Griechenland das an, was er einer armen Nation nach der anderen angetan hat, von Argentinien bis Sambia. Seine Strukturanpassungsprogramme haben Dutzende von gewählten Regierungen dazu gezwungen, die öffentlichen Ausgaben zu verringern, das Gesundheitswesen, das Bildungswesen und alle Möglichkeiten zu vernichten, mit denen die Verdammten dieser Erde ihr Leben verbessern könnten.

Es wir immer das gleiche Programm auferlegt, unabhängig von den Umständen: jedes Land, das der IWF besiedelt, muss die Kontrolle der Inflation vor anderen wirtschaftlichen Ziele setzen; umgehend alle Hemmnisse für Handel und den Kapitalfluss entfernen; sein Bankensystem liberalisieren; alle Staatsausgaben bis auf die Schuldentilgung reduzieren; und Vermögenswerte privatisieren, die an ausländische Investoren verkauft werden können.

Mit der Drohung seiner selbst erfüllenden Prophezeiung (er warnt die Finanzmärkte, dass die Länder, die nicht auf seine Forderungen eingehen, zum Scheitern verurteilt sind), hat er die Regierungen gezwungen, eine progressive Politik aufzugeben. Fast im Alleingang hat er die asiatischen Finanzkrise 1997 entfacht: mit dem Zwang für Regierungen, die Kapitalverkehrskontrollen zu entfernen, machte er Währungen für Finanzspekulanten angreifbar. Nur Länder wie Malaysia und China, die sich weigerten nachzugeben, entkamen.

Betrachten Sie die Europäische Zentralbank. Wie die meisten anderen Zentralbanken, genießt sie “politische Unabhängigkeit”. Dies bedeutet nicht, dass sie frei von der Politik ist, nur, dass sie frei von Demokratie ist. Sie wird stattdessen beherrscht vom Finanzsektor, dessen Interessen sie verfassungsrechtlich verpflichtet ist durchzufechten durch ihr Inflationsziel von rund 2%. Immer darauf bedacht, wo die Macht liegt, hat sie dieses Mandat überschritten, Deflation und epische Arbeitslosigkeit in ärmeren Mitgliedsländern der Eurozone verursacht.

Der Vertrag von Maastricht, der die Europäische Union und den Euro begründet hat, wurde auf einem tödlichen Irrglauben aufgebaut. Dem Glauben, dass die EZB die einzige gemeinsame wirtschaftliche Führung darstellen könnte, die für die Währungsunion notwendig war. Er entstand aus einer extremen Version des Marktfundamentalismus: wenn die Inflation niedrig gehalten würde, stellten sich die Autoren vor, würde die Magie der Märkte alle anderen sozialen und wirtschaftlichen Probleme lösen und die Politik überflüssig machen. Diese nüchternen, fähigen, ernsthaften Leute, die sich jetzt die einzigen Erwachsenen im Raum nannten, erweisen sich als wahnsinnige, utopische Phantasten, Verehrer eines fanatischen Wirtschaftskults.

All dies ist nicht als ein aktuelles Kapitel in der langen Tradition der Unterordnung des menschlichen Wohls unter die die finanzielle Macht. Die Griechenland auferlegte brutale Sparpolitik ist milde im Vergleich zu früheren Versionen. Nehmen Sie die irischen und indischen Hungersnöte im 19. Jahrhundert, beide noch verstärkt (im zweiten Fall sogar verursacht) durch die Lehre des Laissez-faire, die wir heute als Marktfundamentalismus oder Neoliberalismus kennen.

Im Falle Irlands wurde in den späten 1840er Jahren ein Achtel der Bevölkerung getötet – man könnte fast sagen ermordet -, teilweise durch die Weigerung der Briten, Nahrung zu verteilen, die Ausfuhr von Getreide zu verbieten oder einer wirksamen Armenfürsorge. Eine solche Politik verletzte die heilige Lehre der Laissez-faire Ökonomie, dass nichts die unsichtbare Hand des Marktes aufhalten sollte.

Als Indien in den Jahren 1877 und 1878 von einer Dürre getroffen wurde, bestand die britische imperiale Regierung darauf, Rekordmengen von Getreide zu exportieren und löste damit eine Hungersnot aus, durch die Millionen getötet wurden. Der „Anti-Charitable Contributions Act“ von 1877 verbot “beim Schmerz der Haft private Entlastungsspenden, die möglicherweise in die Feststellung der Kurse für Getreidepreise eingriffen hätte.“ Die einzige erlaubte Entlastung war Zwangsarbeit in Arbeitslagern, in denen es weniger Nahrung gab als für die Insassen in Buchenwald. Die monatliche Sterblichkeit in den Lagern im Jahr 1877 entsprach einer jährlichen Rate von 94%.

Wie Karl Polanyi in „The Great Transformation“ argumentierte, hinderte der Goldstandard – das sich selbst regulierende System im Herzen der Laissez-faire Ökonomie – Regierungen im 19. und frühen 20. Jahrhundert an der Erhöhung der öffentlichen Ausgaben oder der Beschäftigungsförderung. Er verpflichtete sie, die Mehrheit arm zu halten während die Reichen ein Goldenes Zeitalter genossen. Nur wenige Möglichkeiten standen zur Verfügung, die öffentliche Unzufriedenheit einzudämmen, außer Reichtum aus den Kolonien zu saugen und den aggressiven Nationalismus zu fördern. Dies war einer der Faktoren, die zum Ersten Weltkrieg beigetragen haben. Die Wiederaufnahme des Goldstandards von vielen Nationen nach dem Krieg verschärfte die Weltwirtschaftskrise und behinderte Zentralbanken bei der Erhöhung der Geldmenge und der Finanzierung von Defiziten. Man könnte gehofft haben, dass die heutigen europäischen Regierungen diese Ergebnisse erinnern würden.

Heute gibt es zuhauf Entsprechungen zum Goldstandard – unflexible Verpflichtungen zur Sparpolitik. Im Dezember 2011 beschloss der Europäische Rat einen neuen Fiskalpakt, der allen Mitgliedern der Eurozone das Gebot auferlegte, dass “die öffentlichen Haushalte ausgeglichen sein sollen oder einen Überschuss erzielen müssen”. Dieses Gebot, das in nationales Recht umgeschrieben werden musste, würde “einen automatischen Korrekturmechanismus, der im Falle einer Abweichung ausgelöst werden soll” enthalten. Dies hilft, das feudalherrschaftliche Entsetzen zu erklären, mit dem die nicht gewählten Technokraten der Troika das Wiederaufleben der Demokratie in Griechenland begrüßt haben. Hatten sie nicht dafür gesorgt, dass eine Wahlmöglichkeit illegal war? Derartige Diktate bedeuten, dass das einzig mögliche demokratische Ergebnis in Europa heute der Zusammenbruch des Euro ist: man mag es mögen oder nicht, alles andere ist eine auf kleiner Flamme brennende Tyrannei.

Es ist schwer für die Linken von uns zuzugeben, aber Margaret Thatcher rettete das Vereinigte Königreich vor dieser Herrscherwillkür. Die Europäische Währungsunion, so sagte sie voraus, würde sicherstellen, dass die ärmeren Länder keine Schuldenübernahme erhalten dürfen, “was ihre ineffiziente Wirtschaft ganz vernichten würde.”

Aber nur, so scheint es für ihre Partei, um diese Willkür mit einer im eignen Land entstandenen Tyrannei zu ersetzen. George Osbornes vorgeschlagene rechtliche Verpflichtung zu einem Haushaltsüberschuss übertrifft das Gebot der Eurozone. Die von der Labour Partei versprochene Haushaltsausgabensperre, obwohl milder, hatte einen ähnlichen Zweck. In allen Fällen verweigern sich Regierungen selbst die Möglichkeit der Veränderung. Mit anderen Worten, sie verpflichten sich Demokratie zu verhindern. So war es in den vergangenen zwei Jahrhunderten, mit Ausnahme der dreißigjährigen keynesianischen Erholung.

Die Vernichtung der politischen Wahl ist nicht ein Nebeneffekt dieses utopischen Glaubenssystems, sondern ein notwendiger Bestandteil. Neoliberalismus ist von Natur aus unvereinbar mit Demokratie, so wie die Menschen immer gegen Sparpolitik und finanzpolitische Tyrannei rebellieren werden. Einer muss etwas abgeben, und es müssen die Menschen sein. Das ist der wahre Weg zur Knechtschaft: Aufhebung der Demokratie im Namen der Elite.

Twitter: @georgemonbiot . Eine mit allen Hinweisen versehene Version dieses Artikels finden Sie auf  Monbiot.com

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Übersetzung eines Kommentars zu Hühnerbetrieben in Großbritannien

Übersetzung von “Faeces, bacteria, toxins: welcome to the chicken farm”
http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/may/19/chicken-welfare-human-health-meat

Fäkalien, Bakterien, Giftstoffe: Willkommen auf der Hühnerfarm

von George Monbiot, the Guardian, 19. Mai 2015

Ob es um Ethikmaßstäbe, Umweltauswirkungen oder die sich abzeichnende Gefährdung für die Gesundheit des Menschen geht, wir müssen unseren unersättlichen Hunger nach diesem Fleisch ändern.

Es ist diese Sorglosigkeit, die mich verblüfft. Sich an der Tötung eines Tieres zu beteiligen, das ist eine bedeutende Entscheidung. Sie verbreitet sich wie wuchernde Pilzfäden in das Kernholz unseres Lebens. Trotzdem essen viele Leute Fleisch, manchmal zwei bis dreimal am Tag, beiläufig und in Eile, oft sogar ohne die Tatsache zu beachten.

Ich möchte keine Schuld zuweisen. Millionen werden ausgegeben für Werbung und Marketing, um abzulenken und zu beschwichtigen, um die gewichtige Entscheidung, die wir treffen, herunterzuspielen. Selbst wenn wir nach dem Sinn und Zweck fragen, möchten wir hören, dass unsere Handlungen ohne Folgen bleiben. Wir suchen die Bestätigung, dass wir wichtig sind, aber das, was wir tun, es nicht ist.

Es handelt sich nicht um blinde Flecken, unter den wir leiden. Wir sehen die Flecken, kleine leuchtende Flickwerke der Wahrnehmung, um die alles andere herum ausgeblendet wird. Wie oft habe ich gesehen, dass Umweltschützer sich versammeln um den Zustand der Welt zu beklagen, und danach in ein Restaurant gehen und sich den Bauch mit Rindfleisch oder Lachs vollschlagen. Der Guardian und der Observer halten uns an auf die Umwelt zu achten, und dann veröffentlichen sie Rezepte für Fisch, deren Fang das Leben im Meer in Stücke reißt.

Die Fernsehköche, die mutig versucht haben diesen Bann zu brechen, sprachen gegen Wände. Gigantische Hühnerfabriken schießen aus dem Boden überall im Westen Englands, dem Grenzland zwischen England und Wales sowie den Tiefebenen im Osten. Ich sage Fabriken dazu, weil es das ist was sie sind: Sie würden sich etwas ganz anderes vorstellen, wenn ich Bauernhof sagte; es sind Orte der Hölle. Ihnen könnte schlecht werden, wenn Sie eine betreten – trotzdem essen Sie das, was dort produziert wird, ohne nachzudenken.

Zwei riesige Masthähnchen-Anlagen sind jetzt geplant, die oben im Golden Valley in Herefordshire, eine der schönsten Landschaften in Britannien, stehen sollen. Jeder Stall der Bage Court Farm – 90 Meter lange Lagerhallen – beherbergt rund 40.000 Vögel, die etwa alle 40 Tage aussortiert, getötet und ersetzt werden. Im Vereinigten Königreich gibt es jetzt ungefähr 2.000 Hühner-Fabriken um die Nachfrage zu befriedigen, die sich in den letzten 40 Jahren verdoppelt hat.

Ich weiß nicht, wie diese Anlagen arbeiten werden, aber Fabriken an anderer Stelle bereiten Lärm, Staub, Gestank und Verkehr in ruhigen Ecken des Landes. Weil alles automatisiert ist, beschäftigen sie wenige Menschen, und diese an abscheulichen Arbeitsplätzen: die Vögel einsammeln und entsorgen, die jeden Tag tot umfallen; Hühner zum Schlachten in einem Gestöber von Exkrementen und Federn einfangen, dann aus der Lagerhalle herausschaffen bevor die nächste Charge ankommt.

Der dabei aufwirbelnde Staub ist ein Gemisch aus aufgelösten Fäkalien, Hautschuppen der Hühner, Milben, Bakterien, Pilzsporen, Myotoxien [Schimmelpilzgifte] und Endotoxinen [Bakterienbestandteile], Tiermedikamenten, Pflanzengiften, Ammoniak und Schwefelwasserstoff. Der Staub ist als gesundheitsgefährdende Substanz eingestuft; das hilft zu erklären, warum 15 Prozent der Geflügelarbeiter an chronischer Bronchitis leiden.

Trotzdem, und einmalig in Europa, klassifiziert die britische Regierung ungefilterte Dachlüfter auf Hühnerställen als „beste verfügbare Technologie“. Wenn es um irgendeine andere Industrie ginge, gäbe es Auflagen Fabrikschornsteine zu bauen, um den Staub und den Gestank besser auszuleiten. Aber wie immer wird die Landwirtschaft geschützt durch Dienstbeflissenheit und eigennützigem Interesse; sie wird ausgenommen von Vorschriften, Planungsbedingungen und Steuern, die andere Unternehmen beachten müssen. Schon jetzt hat die Grafschaftsverwaltung von Herefordshire Genehmigungen für Hühnerfabriken in der Nähe von Schulen erteilt, ohne das wahrscheinliche Ausmaß von Staub-Schadstofffahnen vor oder nach der Betriebseröffnung zu prüfen. Die Bage Court Farm liegt genau in der Windrichtung des Ortes Dorstone.

In den Hühnerfabriken werden in solch einem Ausmaß Formen von Grausamkeit praktiziert, dass sie fast keine Schockwirkung mehr haben. Gezüchtet, um in extremer Geschwindigkeit zu wachsen, brechen manche Tiere unter ihrem eigenen Gewicht zusammen und liegen in ammoniakgetränktem Streu; sie erleiden Verbrennungen an Füßen und Beinen sowie Wunden an der Brust. Nach dem Schlachten werden sie sortiert. Die Hühner mit Güteklasse A können als Ganzes verkauft werden. Von den anderen werden die Körperteile entfernt, die durch Quetschungen, Verbrennungen oder Nekrose entstellt sind. Die verbleibenden Teile werden abgeschnitten und als Portionen verkauft. Haben Sie schon Hunger bekommen?

Seuchen verbreiten sich schnell in diesen Fabriken, also verabreichen Masthähnchenbetriebe ihren Vögeln oft Antibiotika. Diese sind verschreibungspflichtig, aber – erstaunlicherweise – führt die Regierung keine Aufzeichnungen darüber, wie viele Rezepte ausgegeben werden. Dieser verschwenderische Einsatz von Antibiotika auf den Farmen gefährdet die menschliche Gesundheit, weil er Bakterienresistenzen wahrscheinlicher macht.

Aber Herefordshire, wie andere Grafschaftsverwaltungen in der Region auch, scheint das kaum zu kümmern. Wie viele Masthähnchen-Anlagen haben sie genehmigt? Keiner weiß das genau. Zählungen von Ortsansässigen sprechen für 42 Anlagen in den letzten zwölf Monaten. Aber im Dezember hat die Verwaltung behauptet, sie habe 21 Bauprojekte seit dem Jahr 2000 genehmigt. In dieser Woche teilte mir die Verwaltung mit, sie hätte die Genehmigung für 31 Anlagen seit dem Jahr 2010 erteilt. Sie haben eingestanden, dass sie „keine besondere Planung zur Regelung der Masthähnchenbetriebe entwickelt haben“. Auch haben sie nicht die vollständigen Auswirkungen dieser Fabriken festgestellt. Bei der Bage Court Farm, wie auch an anderer Stelle, hat die Verwaltung entschieden, dass eine Umweltverträglichkeitsprüfung nicht notwendig sei.

Also wie sollten Hühner produziert werden? Die offensichtliche Antwort ist Freilandhaltung, aber das tauscht einen Satz von Problemen gegen den anderen aus. Der Kot von Hühnern ist reich an löslichem, reaktivem Phosphat. Große Hühnerscharen im Freien legen einen stechenden Teppich an Tiermist, von dem das Phosphat in das nächste Fließgewässer durchsickern oder geschwemmt werden kann.

Flüsse wie der Ithon in Powys sollen sich nach Regenstürmen weiß färben, durch Hühnerexkremente. Der Fluss Wye in einem Landschaftsschutzgebiet ist abgestorben durch die Algenblüte: Dünger beeinflusst das Wachstum von grünem, trübem Wasser und verwesendem Schleim, der Fische und Insekten tötet. Auch löst die Freilandhaltung nicht das Fütterungsproblem: Die Vögel werden normalerweise mit Soja gefüttert, für das Regenwälder oder Cerrado [Savannen in Brasilien] auf der anderen Seite des Globus zerstört werden.

Es gibt keinen vernünftigen Weg, um die Menge von Hühnern zu produzieren, die wir essen. Die Auswirkungen zu reduzieren bedeutet weniger Fleisch essen – viel weniger. Ich weiß, dass die meisten Menschen nicht darauf vorbereitet sind ganz damit aufzuhören. Aber ist es zuviel verlangt, dass wir Fleisch essen, wie unsere Großeltern es taten, als etwas Seltenes und Besonderes. Besser als wie etwas, das wir wahllos in uns reinstopfen während wir unsere Emails lesen? Anzuerkennen, dass ein Tier geopfert wurde um unserem Appetit zu stillen; den Umstand seines Todes wahrzunehmen: ist das nicht das Mindeste, das wir ihm schulden?

Sich bewusst werden, was wir tun, und was wir veranlassen andere zu tun, ist eine Grundvoraussetzung für ein Leben, das ehrlich und sinnvoll ist. Wir schulden auch uns selbst etwas: unsere Verleugnung zu überwinden, und sich zu verbinden.

Twitter: @georgemonbiot . Eine mit allen Hinweisen versehene Version dieses Artikels finden Sie auf monbiot.com

Disclosure 1: Habe vorher bei der Chefredakteurin um Erlaubnis gefragt, ob ich das übersetzen und hier veröffentlichen kann.

Disclosure 2: Bin selbst Dreiviertel-Vegetarierin, d.h. ich esse selten Fleisch. Der Text soll zum Nachdenken anregen. Entscheiden soll das jeder selbst.

Schnellschuss: Eine Frage der Aufmerksamkeit, oder nicht?

Während ich kein Problem habe diesen long read Text, der noch nicht mal in meiner Muttersprache ist, bis zum Ende zu lesen,

https://t.co/seJCpqJaVe

sagt mein Gehirn bei diesem, sogar kürzeren Text nach etwa drei Zeilen laut und deutlich „Nein, will ich nicht.“

http://science.orf.at/stories/1758353

Also nicht ich sondern mein Gehirn. Ich hätte schon gerne gewusst, was uns der Autor sagen will.

But no, ich wurde einfach überstimmt.